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Fragen Sie Reich-Ranicki : Der Geschmack von Roman

  • Aktualisiert am
Jakob Wassermann (1873 - 1934)
          2 Min.

          Schätzen Sie die Bücher Jakob Wassermanns?
          Sandra Wert, Weilheim

          Marcel Reich-Ranicki: In meiner Jugend, also noch vor dem Zweiten Weltkrieg, habe ich mehrere seiner Romane mit viel Vergnügen gelesen: „Das Gänsemännchen“, „Caspar Hauser“, „Der Fall Maurizius“ und andere. Ich habe die besonders erfolgreichen Bücher zur Kenntnis genommen - später freilich endgültig weggelegt.

          Wassermann liebte von des Gedankens Blässe angekränkelte Menschen in ausweglosen und meist etwas melodramatischen Situationen. Ihn faszinierten große Ideen und kräftige, womöglich grelle Farben, tragische Konflikte und theatralische Effekte. Er hatte eine Schwäche für das Dekorative und das Problematische.

          Sein Engagement hat man im Grunde nie angezweifelt. Es hat alles - heißt es einmal im „Fall Maurizius“ - „den Geschmack von Roman“. War das vielleicht selbstkritisch gemeint? Hochdramatische Figuren mit ausführlicher psychologischer Motivation - das etwa ist die Mischung, der die Prosa Wassermanns in den dreißiger Jahren eine enorme Leserschaft verdankte.

          Sehr möglich, dass sich Wassermann, der weder Opportunist noch Zyniker war, um die Gebote seiner fundamentalen Regel nie gekümmert hat. Er hatte wirklich die großen Ziele im Sinn. Ihm ging es - und je älter er wurde, desto intensiver - um das, was man früher Botschaft nannte. Trotzdem sind seine Bücher exemplarisch in jenem schwer abgrenzbaren Zwischenbereich, in dem man auch Stefan Zweig und Ernst Wiechert finden kann und der für die gewöhnlichen Routiniers nach wie vor unzugänglich bleibt.

          Er wurde vom Publikum geliebt, weil er ihm nichts vorenthielt. Anspielungen und Andeutungen gibt es in seiner Prosa kaum, das Indirekte kennt seine Erzählweise nicht, auf die Ironie verzichtet er fast immer. Was er dem Leser mitzuteilen hat, teilt er in der Regel mehrfach mit. Wer will, kann ihm vorwerfen, dass er unentwegt mit dem Nürnberger Trichter hantiert. Mag sein, nur dass seine Bücher auf eine beachtliche Phantasie schließen lassen. Und der Leser hat es mit fraglos intelligenter Prosa zu tun.

          Wassermann übernahm Dostojewskijs Vorliebe für strenge Typologie, er transponierte zahlreiche seiner Motive für das deutsche Publikum und veranschaulichte sie zugleich in einzelnen Szenen sehr einleuchtend. Der suchende Intellektuelle und der weltfremde Künstler, der gütig-weise Kauz, der skurrile Bösewicht und der pedantisch trockene Beamte, die unverstandene Ehefrau, die edle Sünderin, die reine Hure und die geheimnisvolle Verführerin - sie alle, die Wassermanns Szene bevölkern, sind unzweideutige, auf Anhieb erkennbare Gestalten. Wassermanns Figuren zeugen von Dreierlei: von seiner Sensibilität, von seiner bewundernswerten Beobachtungsgabe und zugleich von seinen gründlichen Studien der Schriften Sigmund Freuds.

          Immer noch erstaunlich ist die rein handwerkliche Leistung: Eine Kriminalaffäre wird hier so übersichtlich ausgebreitet, dass sich das Ganze trotz der adjektivsüchtigen Beschreibungen nach wie vor als gut lesbar erweist und größtenteils auch als höchst spannend.

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