https://www.faz.net/-gr0-1047p

Fragen Sie Reich-Ranicki : Der deutsche Shakespeare

  • Aktualisiert am

Shakespeare genießt bis heute auf Deutschlands Bühnen größte Popularität. Obwohl Marcel Reich-Ranicki kein Anglist ist, kann er uns natürlich eine Übersetzung des englischen Autors empfehlen - und auch den Shakespeare-Mixer von Siemens sollte man kennen.

          Welche Shakespeare-Übersetzung empfehlen Sie? Dr. Jan Hildebrandt, Mainz

          Zunächst: Ich bin kein Anglist, und bei der Entscheidung, welche Shakespeare-Übersetzung den deutschen Lesern (und auch den Regisseuren) besonders zu empfehlen sei, haben die Anglisten unbedingt ein Wörtchen mitzureden. Aber ich will mich nicht drücken. Also: Ich empfehle dringend die sogenannte Schlegel-Tieck-Übersetzung.

          Deutsche Shakespeare-Übersetzungen gab es schon im 18. Jahrhundert - sie stammten von Wieland, Herder und dem damals besonders geschätzten Johann Joachim Eschenburg. Es waren aber meist Prosaübersetzungen.

          Die ersten Versübersetzungen lieferte in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts der große Romantiker August Wilhelm Schlegel: „Romeo und Julia“, „Julius Cäsar“, „Was ihr wollt“ und, wenig später, „Sturm“ und „Hamlet“. Weitere Shakespeare-Stücke übersetzten der Mitherausgeber Ludwig Tieck, dessen Tochter Dorothea Tieck und Wolf Heinrich Graf von Baudissin.

          Humbug, Mumpitz und Kokolores

          Der seit vielen Jahren in Australien wirkende Germanist Gerhard Schulz, von dem übrigens unlängst ein höchst bemerkenswertes Kleist-Buch erschienen ist, hat in seiner Geschichte der deutschen Literatur erklärt, die Rolle des Shakespeare-Übersetzers August Wilhelm Schlegel „bei der Bildung einer deutschen Nationalsprache (sei) nicht hoch genug einzuschätzen“. Mit seiner Übersetzung Shakespeares habe er „den Deutschen ihren bis heute populärsten Bühnenautor“ geschenkt.

          Niemandem ist es gelungen, den Erfolg Shakespeares auf deutschen Bühnen zu bremsen, nicht einmal den deutschen Regisseuren. Sie wollen seit längerer Zeit nicht aufhören, uns in Shakespeare-Inszenierungen Humbug, Mumpitz und Kokolores zu servieren. Aber Shakespeare ist nicht umzubringen, auch nicht dann, wenn man die wichtigsten Rollen von Frauen spielen lässt, beispielsweise den Hamlet und den König Lear.

          Nach wie vor verwendet man meist die unverwüstliche Schlegel-Tieck-Übersetzung. Doch haben im 19. und im 20. Jahrhundert auch andere Autoren, bekannte und beinahe unbekannte, versucht, die traditionellen Übersetzungen zu übertrumpfen. Sie wurden hier und da gespielt, doch sind sie allesamt früher oder später verschwunden

          Der Shakespeare-Mixer

          Die Beliebtheit Shakespeares bei Literaten und Leuten der Theaterbranche hat aber noch einen anderen Grund, den man nicht verschweigen sollte. Eine bahnbrechende Rolle spielte in dieser Hinsicht der Autor und Dramaturg Hans Rothe, der von 1894 bis 1978 lebte und Dramaturg in Leipzig und Berlin war. Er publizierte die Shakespeare-Dramen ab 1921 in sehr freien Bearbeitungen, deren Sprache der Gegenwart angepasst ist und sich konsequent dem Umgangston annähert.

          Und er erhob den Anspruch, nicht nur der Übersetzer und Bearbeiter der Shakespeare-Stücke zu sein, sondern auch deren Autor („frei nach Shakespeare . . .“). Kurz und gut: Rothe kassierte, da der nicht unbegabte Dramatiker aus Stratford schon lange nicht mehr lebte, das ganze Honorar. Seitdem hat er in der Branche den Ruf, der Erfinder der Shakespeare-Tantieme zu sein.

          Interessant und von Bedeutung ist auch der von der Firma Siemens verbreitete Shakespeare-Mixer. In dieses Gerät werden von oben alle in deutscher Sprache veröffentlichten Übersetzungen hineingesteckt. Dann wird dieser Mixer in Betrieb gesetzt. Schon nach 27 Minuten erhalten wir unten eine neue Übersetzung, eine durchaus beachtliche. Denn die Firma Siemens war klug genug, das Gerät vor allem mit der Schlegel-Tieck-Übersetzung zu füttern.

          Weitere Themen

          Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Van Gogh“ : Man soll sich ja auch mal entsetzen dürfen

          Warum sich dieses Opus anfühlt, wie ein Transformers-Film, nur andersrum, und warum man statt mit Popcorn zu werfen weder Adrenalin-Schauer bekommt, noch gerührt das Kino verlässt, aber sich doch vielleicht ein Malen-nach-Zahlen-Buch kauft, verrät Redakteur Dietmar Dath.

          Topmeldungen

          Donald Trump : Schuldig im Sinne der Politik

          Der Bericht von Sonderstaatsanwalt Mueller bestätigt üble Ahnungen über die Zustände im Weißen Haus – aber nicht über eine vermeintliche Verschwörung mit dem Kreml.

          Präsidentenwahl in der Ukraine : Das System Charkiw

          In der zweitgrößten Stadt der Ukraine haben sich die Machtverhältnisse seit der Revolution 2014 nicht verändert. Aber einiges ist in Bewegung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.