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Fragen Sie Reich-Ranicki : Das Warten der Leidenden

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Ihn interessierten vor allem die Nachtseiten des Daseins. Seine Romane sind Traumbücher, die von der Gefangenschaft berichten. Marcel Reich-Ranicki über den Schriftsteller Horst Bienek.

          Wie beurteilen Sie den Schriftsteller Horst Bienek? Bo Bahra, Aurich

          Reich-Ranicki: Im Jahr 1958 lernte ich in Hamburg den jungen Siegfried Lenz kennen. Er schickte mich - mit gutem Grund - zu Horst Krüger, damals in Baden-Baden. Wir verständigten uns schnell, denn Krüger, der erfolgreiche Reiseschriftsteller, stammte aus Berlin. Er traf rasch den jungen Horst Bienek, und wir kamen ins Gespräch in Frankfurt. Bienek, der aus Oberschlesien stammte, wurde 1930 geboren, er starb 1990, nach kurzer Krankheit, in München. Ich war mit ihm befreundet, er war in einem Rundfunksender als Lektor tätig, ich habe ihn geschätzt. Er war ein guter Kenner der Literatur, er hat viele Gedichte veröffentlicht, nicht wenige beachtliche. Mit seinen Erzählungen und Romanen war ich freilich selten einverstanden.

          1986 war ich für einige Monate an der Washington University in St. Louis. Seinen Roman „Die Zelle“ musste ich allerdings ablehnen. Ich schrieb ihm einen freundschaftlichen, doch eindeutig kritischen Brief. Ich schrieb sehr ausführlich. Ich wollte dem Freund Bienek erklären, dass er mir nicht grollen sollte. Ich erklärte so ziemlich alle Gründe.

          Aber Bienek zitierte (nach der Iphigenie): „Man spricht vergebens viel, um zu versagen; der andre hört von allem nur das Nein.“ Ich musste resignieren und aufgeben: Meine Kritik, das war klar, wird unsere Freundschaft beenden. Doch es kam ganz anders: Er denke nicht daran, diese Freundschaft zu beenden, denn so ganz falsch - sagte mir Bienek - war meine Kritik nun eben doch nicht. Wir trafen uns oft.

          Die Nachtseiten des Daseins

          Das zentrale Ereignis Bieneks war seine Biographie: Er wurde 1951 in der DDR aus politischen Gründen verhaftet und zur Zwangsarbeit im sibirischen Lager Workuta verurteilt, wo er bis 1955 blieb. Eines seiner Bücher ist betitelt: „Traumbuch eines Gefangenen“. Aber alle seine Titel - für das damals aktuelle Buch „Die Zelle“ gilt das ebenfalls - sind austauschbar: Immer haben wir es mit Traumbüchern zu tun, und immer wird von einer Gefangenschaft berichtet. Das Warten des leidenden Häftlings erweist sich als die Grundsituation der Dichtung Bieneks, stets ist es die Nachtseite des Daseins, die ihn irritiert und fasziniert. Seine Erfahrungen, so erklärte er in einem programmatischen Artikel, seien für ihn „erst dann mitteilenswert, wenn sie die Erfahrung anderer mit einbegreifen“.

          Nun befindet sich dieser Häftling seit Jahren in einer Einzelzelle, sein körperlicher Zustand ist beklagenswert, sein Gedächtnis ist deutlich beschränkt, er schwankt zwischen klarstem Bewusstsein und düsteren Wahnvorstellungen. Er hofft, man werde ihn endlich zu einem Verhör rufen, aber er hat allen Anlass, zu vermuten, er sei längst vergessen worden.

          Es sind über vierzig Jahre seit der Lektüre dieses Buches vergangen. - Ich bitte also um Nachsicht.

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