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Fragen Sie Reich-Ranicki : Das Vergnügen sucht er

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Süskinds großer Erfolg: „Das Parfüm” Bild: picture-alliance/ dpa

Warum konnten wir so lange nichts Neues von Patrick Süskind lesen? Wünscht sich auch Marcel Reich-Ranicki ein neues Buch von ihm? Gewiss, meint der Kritiker - doch sollte man Schriftsteller und Künstler nicht zwingen.

          Warum konnten wir so lange nichts Neues von Patrick Süskind lesen? Wünschen Sie sich auch ein neues Buch von ihm? Sophie Aschers, Berlin

          Reich-Ranicki: Manch ein Schriftsteller zieht es vor, nach einem besonders erfolgreichen Buch längere Zeit zu schweigen. Ob er diesen Umstand in der Öffentlichkeit erklärt und begründet, ist seine Sache. Süskind schrieb Fernsehserien wie „Kir Royal“ und auch ein fabelhaftes Einpersonenstück „Der Kontrabass“, das überhaupt nicht mehr gespielt wird, leider . . .

          Der Roman „Das Parfum“ erschien 1985. Ich begrüßte das Buch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit Pauken und Trompeten, viele Leser zeigten sich rasch begeistert. Das war damals ungewöhnlich, eine Ausnahme, nämlich ein Buch nicht nur für Kritiker und Literaturhistoriker, sondern, wer hätte das geglaubt, tatsächlich auch und vor allem für das lesende Publikum.

          Was will denn dieses Publikum? Ein deutscher Schriftsteller, nicht etwa ein elender Schmierant und geldgieriger Produzent des übelriechenden Kitsches, vielmehr ein höchst pfiffiger und durchaus begabter, ja genialer Autor, der Medizin studiert hat und schon lange tot ist und den ich, nebenbei gesagt, bewundere, verehre und liebe - von diesem Autor also (es ist nicht etwa Brecht!) stammt ein Wort, das klipp, klar und knapp ist: „Der Zuschauer (und natürlich der Leser ebenfalls) will unterhalten und in Bewegung gesetzt sein. Das Vergnügen sucht er . . .“

          Wie, nur das Vergnügen? Ja, das andere kommt, wenn der Stückeschreiber wirklich begabt ist, schon von selbst. Der bis heute so erfolgreiche Dramatiker aus England wollte die Leute unentwegt amüsieren - und bitte, man spielt ihn immer noch, auch in der Mongolei und in der chinesischen Provinz.

          Zurück zu Süskind. Es mag sogar verständlich sein, dass es Buchkäufer gibt, die, ein weiteres Buch ihres Autors wünschend, schamlos genug sind, ihn in aller Öffentlichkeit zur Ordnung zu rufen und wie einen Maulesel anzutreiben: Er solle nicht faulenzen, sondern möglichst rasch weiterhin die benötigte Ware liefern, womöglich einen neuen Roman, so gut wie der vorige . . .

          Wir leben, liebe Frau Aschers, in einem freien Land. Und eben deshalb ist Ihre Frage, mag sie auch gut gemeint sein, doch indiskutabel. Ob ich nicht auch ein neues Buch von Süskind lesen möchte? Gewiss. Wenn er hierzu Lust haben wird, wird er einen nächsten Roman verfassen. Einen dollen? Hoffentlich. Aber in der Literatur ist nichts ganz sicher. Als Goethe die „Natürliche Tochter“ produzierte, war der Oberkonsistorialrat und Superintendent Herder frech genug, ihm zu sagen, sein natürlicher Sohn gefalle ihm besser. Goethe war beleidigt.

          Es ist noch nicht lange her, da gab es ein deutsches Land, in dem man zeitweise Schriftsteller zu allerlei zwingen wollte, beispielsweise Bücher über bestimmte Themen zu schreiben. Wozu das geführt hat, wird Frau Aschers wissen. Seien wir glücklich, dass wir nicht in der DDR leben, sondern in einem freien Land. Und denken wir immer, dass man Schriftsteller und Künstler nicht zwingen soll. Das bringt nichts.

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