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Fragen Sie Reich-Ranicki : Das Glück und die Dankbarkeit

  • Aktualisiert am

Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler in der Verfilmung von „Mein Leben” Bild: picture-alliance/ dpa

Dass er mit der Verfilmung seiner Autobiographie glücklich sei, möchte Marcel Reich-Ranicki nicht sagen. Auf die Frage nach Balzac antwortet der Literaturkritiker mit einem Versprechen, auf die nach Böll mit Verständnis.

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          Halten Sie Ihr Buch „Mein Leben“ für einen Roman oder für eine persönliche zeitgeschichtliche Darstellung Ihres bewegten Lebens? Im Klappentext dieses Buches heißt es, der Autor bewähre sich hier als „temperamentvoller und anschaulicher Erzähler“.
          Willibald J. C. Piesch, Hamburg

          Sind Sie mit diesem Film einverstanden, zufrieden oder gar glücklich?
          Kristin Löwenberg, Regensburg

          Ist dieser Film zu spät oder vielleicht zu früh gedreht worden? Sollte er auch im Ausland gezeigt werden?
          David Rosenfels, Berlin

          Marcel Reich-Ranicki: Jawohl, ich bin mit diesem Film einverstanden und zufrieden. Übrigens bin ich an seiner Entstehung nicht beteiligt gewesen. Ich habe weder den Regisseur noch die Schauspieler ausgesucht, ich war kein einziges Mal dabei, als der Film gedreht wurde, obwohl man mich hierzu eingeladen hatte. Ich fürchtete, ich könnte mit meinen eventuellen Einmischungen das, was da gemacht wurde, eher verderben als verbessern.

          Ob ich mit dem Film glücklich bin? Wenn ich von mir selber spreche, versuche ich das Wort „Glück“ möglichst ganz zu vermeiden. Doch auf jeden Fall bin ich dankbar, sehr dankbar.

          Bestimmt ist dieser Film nicht zu früh produziert worden. Zu spät? Das können andere besser beurteilen als ich. Ein Roman ist das Buch keinesfalls. Dass ich mich darin als ein temperamentvoller und anschaulicher Erzähler bewährt habe, freut mich sehr.

          Der Briefschreiber irrt sich offensichtlich, denn er scheint zu glauben, dass sich nur in Erzählungen zeige, ob der Autor ein guter Erzähler ist. Der Erzähler kommt zum Zuge auch und sehr häufig in Biographien und Autobiographien, in Chroniken und zeitgeschichtlichen Darstellungen, in Romanen und Novellen. Hervorragende Erzähler wie Golo Mann und Sebastian Haffner meinten, die Historiker seien im Grunde Erzähler.

          Und schließlich: Es wäre sehr gut, wenn dieser Film bald auch im Ausland gezeigt werden könnte.

          Sie haben sich nur selten über Balzac geäußert. Zählt er nicht zu Ihren Lieblingsautoren?
          Dr. Karl Hundt

          Marcel Reich-Ranicki: Ich liebe und bewundere Balzac seit meiner frühen Jugend. Aber ich kann nicht in dieser Rubrik über alle genialen Schriftsteller der Weltliteratur schreiben. Ich werde bald etwas über Balzac schreiben. Ich bitte um Verständnis und Geduld.

          Wie stehen Sie zu Bölls Prosawerken „Ansichten eines Clowns“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und „Gruppenbild mit Dame“?
          Natalie Günther

          Marcel Reich-Ranicki: Von diesen drei Büchern hat mich die „Katharina Blum“ am meisten interessiert. Wichtiger sind jedoch für mich von den frühen Geschichten „Der Mann mit den Messern“, „Wiedersehen in der Allee“ und „Wanderer, kommst du nach Spa. . .“ Ganz besonders schätze ich von den späteren Erzählungen die Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“.

          Es wird nicht mehr lange dauern, und ich werde gefragt werden, warum Böll denn in Vergessenheit gerät. Um es gleich zu sagen: Er gerät noch nicht in Vergessenheit, aber seine Zeit ist doch schon vorbei. Niemanden wird man zwingen können, sich mit diesem wichtigen Romancier und Geschichtenerzähler der Nachkriegszeit, der vor bald 24 Jahren gestorben ist, zu beschäftigen. Man bedenke, was in diesen Jahren (also seit 1985) geschehen ist - und man wird mehr Verständnis für jene Leser haben, die jetzt zeitkritische Romane und Erzählungen der letzten Zeit lesen wollen.

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