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Fragen Sie Reich-Ranicki : Das falsche Schiller-Zitat

  • Aktualisiert am

Marcel Reich-Ranicki hat in seiner Kolumne ein Zitat aus Schillers „Glocke“ dem „Tell“ zugeschrieben. Ein Skandal - wie konnte dies geschehen? Der Literaturkritiker nimmt Stellung.

          3 Min.

          Auf meine Schiller-Kolumne in der Nummer vom 25. Dezember habe ich ungewöhnlich viele Briefe erhalten - nicht gerade einen ganzen Waschkorb voll, aber doch acht (unter anderem von Dieter Lüning aus 35510 Butzbach, von Hans-Jörg Windener aus 63776 Mömbris und von Ingemarie Hennig aus 60437 Frankfurt am Main). Alle haben Fehler in meinem Artikel gefunden - und alle haben recht.

          Aber die Briefe sind anders als sonst: keine Häme, keine Schadenfreude, hingegen - wer hätte das gedacht? - Humor. Früher war es in Provinzzeitungen üblich, den Lesern von Zeit zu Zeit etwas Spaß und Genugtuung zu bereiten: mit einem falschen Geburtsdatum von Napoleon oder von Bismarck oder mit der Behauptung, das Wort „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“ stamme aus dem „Faust“, wo es doch, wie es heute jeder Tankwart weiß, in der „Iphigenie“ vorkommt. So wurde denn auch vermutet, ich hätte den wichtigsten Fehler in meiner Schiller-Kolumne (siehe auch: Fragen Sie Reich-Ranicki: Über Schiller) absichtlich gemacht, um die Leser zu prüfen. Ach, wenn es so wäre . . .

          Ein gewöhnlicher Druckfehler

          Jetzt zur Sache. „Nänie“ muß es heißen und nicht „Nänis“, das ist ein gewöhnlicher Druckfehler, der nicht auf mein Konto geht. „Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie“ (und nicht des Chores) lautet der Titel des einleitenden Essays zur „Braut von Messina“. Der Fehler ist eine kleine Sünde, aber doch eine Sünde. Sie geht auf mein Konto. (Man soll eben nicht aus dem Gedächtnis zitieren!) „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.“ So war es auch in meinem Manuskript. Gedruckt wurde „kämpfen selbst die Götter“ - was den Rhythmus zerstört. Das geht auf das Konto des zuständigen Redakteurs, der es hätte merken müssen.

          Nun aber eine ernste Angelegenheit. Ich habe richtig zitiert: „Jedoch der schrecklichste der / Schrecken, / Das ist der Mensch in seinem Wahn.“ Doch als Quelle habe ich den „Tell“ angegeben, wogegen der Vers im „Lied von der Glocke“ zu finden ist. Das ist nicht einfach ein Fehler oder Irrtum, das ist ein regelrechter Skandal. Wie konnte dieser Skandal passieren?

          Immer und überall verwendbar

          Es wäre geradezu absurd, wollten wir Schiller vorwerfen, daß er in seinen Versdramen - und das sind alle seine Stücke, mit Ausnahme der „Räuber“, des „Fiesko“ und der „Kabale“ - dem Publikum immer wieder leicht verständliche und bequem zitierbare Sentenzen bietet. Das gilt übrigens auch für seine Balladen. Nur sind diese Sentenzen, diese Lebensweisheiten in Schillers Dramen immer und überall verwendbar: Was die Figuren zum besten geben, hat in den meisten Fällen nichts mit ihrem Geschlecht und ihrem Alter zu tun, mit ihrem Stand, ihrem Amt und ihrem Beruf, mit ihrer jeweiligen Situation.

          „Des Lebens ungemischte Freude / Ward keinem Irdischen zuteil“ - das könnte in jedem Versdrama Schillers stehen, aber es findet sich in seiner Ballade „Der Ring des Polykrates“. Überall am Platze wäre auch das Wort „Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle / Bewahrt die kindlich reine Seele!“ aus den „Kranichen des Ibykus“.

          Den Tag nicht vor dem Abend loben

          „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, / dass die fortzeugend immer Böses muss gebären.“ Es ist der Generallieutenant Octavio Piccolomini, der dies erklärt. Aber es könnte ebenso Elisabeth, die Königin von England, sagen oder eine beliebige Figur in der „Braut von Messina“. Gordon, der Kommandant von Eger, meint in „Wallensteins Tod“: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“. Die treffende Belehrung könnten wir auch von beinahe jeder Figur in „Wilhelm Tell“ hören.

          Aus welchem Schiller-Drama stammen die Verse „Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen / Und das Erhabne in den Staub zu ziehn“? Aus gar keinem. Schiller hat diese Weisheit keiner seiner Figuren in den Mund gelegt, sondern in seinem Gedicht „Voltaires Pucelle und die Jungfrau von Orleans“ untergebracht. Natürlich wäre sie in jedem seiner Dramen von „Don Carlos“ bis zum „Wilhelm Tell“ gut zu gebrauchen.

          Ein schlichter Fischer

          Patriotische Äußerungen sind in Schillers Dramen niemals individualisiert und stets leicht austauschbar, etwa das Wort des Grafen Dunois in der „Jungfrau von Orleans“: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht / Ihr alles freudig setzt an ihre Ehre.“ Wer mahnt: „Vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten“ - der König von Spanien, die Königin von Schottland oder die Fürstin von Messina? Es ist Ruodi, ein schlichter Fischer im „Tell“. Ruodi ist es auch (und nicht etwa ein General oder ein Geistlicher), der jene Worte spricht, denen in der DDR oft stürmischer Applaus folgte: „Gerechtigkeit des Himmels, / Wann kommt der Retter diesem Lande?“

          Genug der Beispiele. Es ließen sich ohne Mühe Dutzende weiterer hinzufügen, die immer wieder dasselbe beweisen würden. Und gewiß könnte man auch allerlei Gegenbeispiele anführen. Manches, was Thoas in der „Iphigenie“ spricht, könnte auch Orest sagen, auch gelegentliche Äußerungen von Faust und dem Mephisto könnte man auswechseln. Nur: Derartiges gibt es bei Goethe eben gelegentlich, bei Schiller unentwegt. Seine Rhetorik hat diese Austauschbarkeit unzähliger Äußerungen verschuldet.

          Dies alles, um zu erklären, wie es zu dem Skandal kommen konnte, daß ich die Worte aus der „Glocke“ („Jedoch der schrecklichste der Schrecken . . .“) dem „Tell“ zugeschrieben habe. Meine Leser mögen mir vergeben.

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