https://www.faz.net/-gr0-6m8aq

Fragen Sie Reich-Ranicki : Außenseiter und Abenteurer

  • Aktualisiert am

Seine Lebensangst wollte er mit gesteigerter Vitalität tarnen und verdrängen: Ernest Hemingway (1899-1961) Bild: Dummy

Er war ein Spieler und ein Träumer mit einem schwermütigen Charakter, der das Leben abwechselnd als herrlich oder abstoßend empfand. Marcel Reich-Ranicki über Ernest Hemingway im Blick der Gegenwart.

          2 Min.

          Hemingways Todestag liegt nun fünfzig Jahre zurück, was können Sie uns über ihn erzählen? (Fortsetzung von letzter Woche)

          Hemingway empfand das Leben abwechselnd als herrlich oder abstoßend, als beinahe göttlich oder beinahe teuflisch. Er liebte stets extreme Urteile. Doch sind seine begeisterten Äußerungen allzu ostentativ, als dass man ihnen trauen könnte. Der düstere, oft schwermütige Untergrund seines Charakters scheint doch immer durch - durch seine Sehnsucht ebenso wie durch seine große Hoffnung. Er war ein Draufgänger, und er war und blieb, wann und wo auch immer, ein Spieler und ein Träumer.

          Als Synonym für die Welt verwendet er gern die Vokabel „Hölle“. Diese habe man „durchzustehen: Wenn man sie durchstehen kann.“ Eine Art Durchhalte-Ethos ist das Fundament der ideellen Konzeption Hemingways. Zu fragen ist allerdings, ob diese Konzeption tatsächlich von ihm selber stammte oder eher von seinen Bewunderern.

          Stierkampf und Großwildjagd

          Insgeheim fürchtete er, er sei dieser Hölle nicht gewachsen. Seine Lebensangst wollte er mit gesteigerter, mit bisweilen fieberhafter Vitalität tarnen und verdrängen. Um sich seines Lebensgefühls zu vergewissern, riskierte er sein Dasein unentwegt. Aus Angst vor dem Tod suchte er dessen Nähe. Daher die makabre Faszination, die der Krieg auf ihn auszuüben vermochte - und wenn es keinen Krieg auf Erden gab, dann genügten, als Ersatz, der Stierkampf oder die Großwildjagd. Kompensation und Überkompensation war es immer.

          Aber seine wahre Passion galt letztlich keiner dieser vielen meist fotogenen Aktivitäten, sondern einer ganz anderen, einer scheinbar undramatischen und nicht gerade pittoresken Betätigung, zu der er sich in einer Art Hassliebe hingezogen fühlte. Hemingway wusste es: „Das Schreiben ekelt mich an, aber da ich mir aus nichts anderem so viel mache, werde ich weiterschreiben.“

          Zuflucht beim Alkohol

          Zusammen mit dem literarischen Ehrgeiz wuchs auch seine Angst, er werde kläglich versagen. Sein Selbstvertrauen habe er verloren, weil es seiner Frau gelungen war, ihm einzureden, sein Penis sei zu klein. Seine Erfolge haben dies nicht gebessert, im Gegenteil: Je größer sie waren, desto mehr fühlte sich Hemingway dem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit ausgesetzt. Und desto häufiger suchte und fand er Zuflucht beim „alten Drachentöter“, dem Alkohol. „Himmel, ich wünschte, Du wärst hier, dann könnten wir uns betrinken, wie ich es jetzt gerade tue und in letzter Zeit so oft getan habe“ - heißt es 1925 in einem Brief an John Dos Passos.

          „Herrgott, irgendwann würde ich ganz gern mal erwachsen werden“ - schrieb er damals selber. Ist er es je geworden? Wollte er es wirklich werden? In den Briefen aus den späteren Jahren wird die Trunksucht nicht mehr verherrlicht, sondern nur noch verteidigt: „Trinken Sie nicht? Ich merke, Sie sprechen abschätzig von der Flasche. Ich trinke, seit ich fünfzehn bin, und nur wenige Dinge haben mir mehr Vergnügen bereitet . . .“

          Am Ende eine repräsentative Figur

          Die Leute, die er am wenigsten ertragen konnte, waren die zeitgenössischen amerikanischen Schriftsteller. Von Sinclair Lewis wollte er nichts wissen. Doch zu wahren Wutausbrüchen reizte ihn dieser erst ab 1930 - denn damals wurde er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Faulkner bewunderte er aufrichtig. Als aber diesem 1950 der Nobelpreis verliehen wurde, lautete Hemingways Urteil: „Es macht mir Spaß, ihn zu lesen, aber ich finde es immer schrecklich, daß er nicht besser ist. Ich wünsche ihm Glück, und das braucht er auch, denn er hat den einen, unheilbaren Fehler: man kann ihn nicht zweimal lesen.“

          Ernest Hemingway war ein Außenseiter und Abenteurer. Aber in dem Jahrhundert, in dem sich die verlorenen Generationen auf die Hacken traten, waren es gerade die Außenseiter und Abenteurer, die schließlich zu repräsentativen Figuren avancieren konnten.

          Weitere Themen

          Angst kannte sie nicht

          Lee Krasner in Frankfurt : Angst kannte sie nicht

          Sie ist die Königin des abstrakten Expressionismus: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt Hauptwerke der amerikanischen Künstlerin Lee Krasner.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.