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Fragen an die Lieblingsautorin : Obama als Interviewer

  • -Aktualisiert am

Vor dem Interview: Barack Obama und Marilynne Robinson in der State Library of Iowa Bild: AP

Barack Obama liebt die Bücher der amerikanischen Autorin Marilynne Robinson. Und deshalb wollte er sich ausführlich mit ihr unterhalten. Also hat er ein Interview mit ihr geführt. Hier ist es.

          8 Min.

          Ein „Experiment“, so nennt es Barack Obama selbst: Der amerikanische Präsident interviewt seine Lieblingsschriftstellerin für die „New York Review of Books“. Marilynne Robinson lebt in Des Moines, Iowa, dort treffen sich die zwei auch. Die Romane der Einundsiebzigjährigen wurden vielfach ausgezeichnet, für „Gilead“ erhielt sie 2004 den Pulitzer-Preis. Ihr neuer Roman „Lila“, eine Fortsetzung von „Gilead“, ist gerade im Fischer-Verlag erschienen (288 Seiten, 21,99 Euro). Aber jetzt hat der Präsident das Wort.

          Ich komme nicht so oft dazu, wie ich gern wollte, ein Gespräch mit jemandem zu führen, dem ich gern zuhöre und mit dem ich gern über einige der kulturellen Kräfte sprechen würde, die unsere Demokratie prägen. Also hatten wir die Idee: Warum spreche ich nicht mal mit jemandem, den ich sehr mag, und wir sehen, was dabei herauskommt? Und Sie waren die Erste in der Reihe.

          Vielen Dank.

          Ich liebe Ihre Bücher. Mein erstes Buch von Ihnen, „Gilead“, habe ich hier in Iowa angefangen, wo es auch spielt. Ich war auf Wahlkampf, da hat man viel Leerlauf. Eine meiner liebsten Figuren ist ein Pastor namens John Ames, der gütig und vornehm und auch etwas durcheinander ist, wie er seinen Glauben nur mit all dem vereinbaren soll, was seine Familie durchmacht. Ich habe mich einfach in diese Figur verliebt. Dann haben wir uns kennengelernt, weil Sie einen tollen Preis im Weißen Haus bekommen haben. Wir haben zu Abend gegessen, und eigentlich dauert unser Gespräch seitdem an. Gerade haben Sie ja eine Reihe von Essays geschrieben, einer handelt von der Furcht und der Rolle, die sie in unserer Demokratie spielt. Sie haben durch die Linse des Christentums darauf geschaut, durch die protestantischen Traditionen, die uns geprägt haben. Warum ist Furcht ein wichtiges Thema? Und welche Verbindung hat das zu Ihren anderen Werken?

          Robinson und Obama im Gespräch

          Über Furcht denke ich nach, weil ich glaube, dass die Basis von Demokratie die Bereitschaft ist, wohlwollend über andere Menschen zu denken. Man muss davon ausgehen, dass Menschen grundsätzlich das Richtige tun wollen. Aber dann fangen Leute an, Verschwörungstheorien zu entwickeln, die es so hinstellen, als wäre das offensichtlich Gute in Wirklichkeit böse. Und nie akzeptieren sie die Argumente der Gegenseite – verstehen Sie, was ich meine?

          Ja.

          Da herrscht diese Vorstellung vom „bösen Anderen“. So etwas ist ja in allen Lebenslagen schlecht. Aber wenn es sich dann in der politischen Auseinandersetzung über uns selbst festsetzt... Kaum etwas könnte gefährlicher sein, wenn es darum geht, ob wir eine Demokratie bleiben oder nicht.

          In unserer Demokratie gibt es das seit langem. Und es zeigt sich immer wieder. Man könnte sagen: Weil die Menschen den Druck der Globalisierung und der Umbrüche spüren – wir sind durch eine der schlimmsten Finanzkrisen seit den dreißiger Jahren gegangen, das politische System scheint in Stillstand geraten zu sein–, sind sie besonders empfänglich für diese Spielart der Politik.

          Aber sich optimistisch angeschaut zu haben, versucht zu haben, für Bildung und vieles andere mehr zu sorgen, was wir ja, bei all unseren Fehlern, stärker als die meisten anderen Länder getan haben: Das ist es doch, was diese Demokratie am Leben erhalten hat. Nur haben wir eine vollkommen inakzeptable Mentalität geschaffen, den einen oder die andere auszuschließen, obwohl wir doch eigentlich aus allen Winkeln der Erde kommen und im guten Glauben miteinander auskommen. Ich fürchte, da verdüstern sich die Aussichten unserer Nation ganz schlimm.

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