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Fotografie : Ich sehe was, was du nicht siehst, und das bist du

  • -Aktualisiert am

Angelina Jolie (2004) Bild: Martin Schoeller

Vor lauter Angelina Jolie sieht man plötzlich Angelina Jolie nicht mehr: Martin Schoeller, ein deutscher Fotograf, hat einen Bildband gemacht, in dem er Prominente - und Unbekannte - aus allernächster Nähe fotografiert.

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          Mit Gesichtern verhält es sich wie mit impressionistischen Gemälden - je näher sie einem sind, desto weniger erkennt man, und anders herum.

          Die Gesichter, die wir am häufigsten sehen und am besten zu kennen glauben, zerfallen in unserer Vorstellung in Einzelteile, kleine Details - wir sehen das Graugrün der Augen vor uns, das um die Pupille herum braun gesprenkelt ist, wir wüßten die Form der Nase so genau zu beschreiben, als handelte es sich dabei um ein technisches Design, und von der kleinen Narbe, die eine Augenbraue so hübsch zerteilt, könnten wir Kartoffeldrucke anfertigen, so genau kennen wir ihren Verlauf - aber versucht man, sich das Gesicht eines sehr nahestehenden Menschen im ganzen vorzustellen, all die Details zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen, so scheitert man, Kleinigkeiten treten in den Vordergrund, das Ergebnis fällt eher kubistisch aus. Und so funktioniert ja auch unser Blick auf uns selbst: Was wir da täglich im Spiegel sehen, bleibt letztlich abstrakt. Es fehlt die Distanz, das Gesehene in Relation zu setzen - wir sehen nur Ausschnitte, die dafür groß und gnadenlos.

          Lippen wie aufgeklebt

          Martin Schoeller, ein deutscher Fotograf, der seit Jahren für den „New Yorker“ arbeitet, hat einen Bildband gemacht, in dem er Prominente - und Unbekannte - so zeigt, wie sie sich wahrscheinlich selber sehen. Ihre Gesichter - im Buch überlebensgroß abgebildet - sind aus allernächster Nähe fotografiert, mit Neonröhren ausgeleuchtet, alle exakt auf Augenhöhe mit der Kamera. Und mit einemmal sieht man da vor lauter Angelina Jolie Angelina Jolie nicht mehr. Ihr Gesicht zerfällt in Einzelteile. Helle Augen, falsche Wimpern, Lippen, die aussehen wie aufgeklebt.

          Christopher Walken (2000)
          Christopher Walken (2000) : Bild: Marti Schoeller

          Niemand ist schön auf Schoellers Fotos, niemand ist häßlich. Es sind einfach Gesichter, so unterschiedlich und einzigartig, wie Gesichter eben sind. Was ja ohnehin ein Wunder ist. Es sind ja nur Millimeter, die aus einem Gesicht ein anderes machen. Die Jack Nicholson von Christopher Walken unterscheiden, uns von unserer Mutter, einen per Phantombild gesuchten Verbrecher von einem Unschuldigen. Viel ist ja nicht drin in so einem Gesicht - Augen, Nase, Mund -, und doch gelingt es uns, anhand kleinster Unterschiede, Menschen auseinanderzuhalten, Millionen davon.

          Schoellers Portraits feiern diese Unterschiede. Es sind Kartographien von Persönlichkeit, Panoramaansichten von „Offenheit und Zerbrechlichkeit“, wie Schoeller selbst beschreibt, was er beim Fotografieren sucht. Und obwohl die Menschen auf seinen Bildern kontrolliert wirken, als versuchten sie, unter keinen Umständen etwas von sich preiszugeben, wirken sie nackt. Als könne man durch ihre Augen, in denen sich die Neonlichter spiegeln, direkt in ihr Inneres sehen. Mariah Carey wollte sich von Schoeller nicht fotografieren lassen. Sie wird gewußt haben, warum.

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