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Fotoband mit John Malkovich : Being Marilyn Monroe

Sandro Miller stellt Ikonen der Fotografiegeschichte nach – und nimmt als Modell nur John Malkovich. Wie erhellend das ist, zeigt ein neuer Bildband.

          Sandro Miller war sechzehn, als er in einem Magazin ein Schwarzweißporträt entdeckte, das, wie er sagt, sein ganzes Leben bestimmte. Genau genommen war es nur das Bild eines Auges - darüber ein breitkrempiger Hut, darunter ein hochgeschlagener Kragen. Aber dieser stechende, eindringliche Blick ließ ihn nicht los. Als sei er nur an ihn gerichtet. Wie eine Botschaft. Eine Einladung vielleicht?

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Aufgenommen hatte das Bild Irving Penn. Zu sehen war Pablo Picasso. Beide Namen waren Miller unbekannt, wie er gesteht, doch eine Woche später habe er alles über die beiden gewusst. Genauso wie Penn wollte er Menschen künftig betrachten, und so wie Picasso schaut, so wollte er, dass Menschen ihn anblickten. Er beschloss, Fotograf zu werden. Das war 1974. Spätestens sein großartiges Buch über amerikanische Biker, die er zwanzig Jahre später mit dem strengen Blick eines Ethnologen schwarzweiß porträtiert hatte, wilde Kerle, jeder Fleck Haut tätowiert und mit Bärten bis zum Bauchnabel, machte ihn berühmt.

          Mit dem Ernst des Originals

          Heute ist Sandro Miller achtundfünfzig Jahre alt und einer gefragtesten Werbefotografen Amerikas. Unter anderem hat er Kampagnen für Reebok und Coca-Cola, Nikon und Harley-Davidson fotografiert, seine Fotos für die amerikanische Krebshilfe zieren Billboards. Aber als er vor nicht langer Zeit selbst schwer erkrankt in einem Hospital lag, für ein ganzes Jahr, zog sein Leben eben nicht in Form von Reklamebildern an seinem inneren Auge vorüber, sondern als eine Art Geschichte der Fotografie im Zeitraffer: Lauter Ikonen kamen ihm in den Sinn, lauter wegweisende Aufnahmen aus der Kunst der Reportage und des Porträts.

          Wieder zu Hause, stellte er eine Liste zusammen, fertigte Kopien an, reiste mit einem Bündel Abzügen nach Südfrankreich zu seinem Freund seit zwei Jahrzehnten, dem Schauspieler John Malkovich - und machte ihm den Vorschlag, all diese Bilder nachzustellen. Nicht als Witz oder Persiflage, sondern mit dem Ernst des Originals, als eine Hommage an die ganz Großen der Fotokunst und zugleich an die Künstler, die auf den Bildern zu sehen sind. Malkovich habe binnen eines Wimpernschlags zugesagt.

          Er ist der Marmorblock

          Für Sandro Miller war es mehr als eine Fingerübung. Zunächst stellten sich technische Fragen, nach dem Fotomaterial, nach dem Licht, dem Make-up und den Kostümen. Der Aufwand war enorm. Sechs Monate lang bereitete ein Stab von mehr als zwanzig Mitarbeitern die Aufnahmen vor, schneiderte Mäntel und die Tracht eine Indianerhäuptlings, baute im Studio ein Zelt und ein Badezimmer als exakte Kopien der Vorbilder nach. Wegen Malkovichs engen Zeitplans mussten die Bilder im Akkord entstehen, zehn an einem Tag, und das, obwohl die Maskenbildnerin bisweilen neunzig Minuten brauchte, um ihn in Jack Nicholson zu verwandeln oder in Orson Welles, in Meryl Streep und Marilyn Monroe. Malkovich, in dessen berühmtestem Film, „Being John Malkovich“, Menschen im Wortsinn in seinen Körper schliddern, schlüpfte nun selbst in die Posen von Stars. Dabei ist es bezeichnend, dass er mit keinem eigenen Einfall zu der Serie beigetragen haben soll, sondern gleichsam als weiße Leinwand immer nur Projektionsfläche war für Millers Visionen. Und so teilen die Bilder auch nichts über ihn mit, sondern belegen nur sein schauspielerisches Vermögen, Blicke und Gesten zu kopieren, sich in fremde Seelen hineinzufinden. Malkovich bezeichnet das trocken als eine Frage des Glaubens - aber es ist ebendieses Moment, das den Bildern einen Anflug des Spirituellen gibt. Gleich einer Geisterbeschwörung. Einer Seance. Plötzlich sind sie wieder da: John Lennon, Truman Capote, Ernest Hemingway.

          Dass man dem Menschen eine Maske überziehen müsse, um zu verstehen, was er denke oder fühle, ist ein Bonmot von Oscar Wilde. Aber was soll sich unter der weißen Maske aus Schminke auftun, die sich Meryl Streep auf Annie Leibovitz’ berühmter Aufnahme von den Wangen zupft? Und was bei John Malkovich, der ihr Gebaren wiederholt? Ist nicht die Fotografie, fragt man sich gerade jetzt, angesichts der Aufnahmen von Sandro Miller, viel mehr ein Versteck für das Wesen eines Menschen, als dass sie ihn entlarvt? Und dann überträgt man diese Frage auf all die anderen Aufnahmen, die Miller im Laufe von fast zwanzig Jahren von Malkovich gemacht hat. Denn die gut dreißig Fotografien der Serie „Homage“ sind nur das Zentrum eines Bildbands, der die Zusammenarbeit zwischen Miller und Malkovich von frühen Porträts bis zu experimentellen Filmen dokumentiert. Miller ist der Bildhauer, begreift man. Und Malkovich ein Marmorblock - in dem verschiedenste Kunstwerke darauf warten, freigelegt zu werden.

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