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Filmgeschichte : Dr. Seltsam oder wie wir lernten, Kubrick zu lieben

  • -Aktualisiert am

Stanley Kubrick wagt 1962 bei den Dreharbeiten zu „Lolita” ein Tänzchen mit Sue Lyon Bild: Aus "The Stanley Kubrick Archives", Taschen Verlag

Lektüre in Scope: Der Taschen-Verlag hat mit dem Prachtband „The Stanley Kubrick Archives“ dem Regisseur ein Mausoleum errichtet. Zur Lektüre des Wälzers braucht es mindestens einen Eßtisch, am besten gleich einen Altar.

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          Letzter Film, erste Einstellung, schon stockt der Atem. Die Kamera zeigt Nicole Kidman, wie sie uns in ihrem Ankleidezimmer den Rücken zuwendet und mit einer so nonchalanten Bewegung ihr Trägerkleid von den Schultern rutschen läßt, daß man zu spüren glaubt, wie das seidenweiche Material über ihre Haut hinabstreift.

          Und dann tritt sie nackt aus dem herabgesunkenen Haufen Seide heraus, als würde sie nur uns zuliebe so tun, als fühle sie sich unbeobachtet, und steht da, während der Blick von ihrem Nacken unter dem hochgesteckten Haar über den Rücken zum Po gleitet und dann die Schenkel hinab zu ihren Fesseln, die in hochhackigen Schuhen stehen.

          Das alte Spiel des Kinos

          Für Sekunden dürfen wir sehen, was eigentlich nur für die Augen von Tom Cruise bestimmt ist, in diesem Film wie im wirklichen Leben, und vergessen, daß dies nur das alte Spiel des Kinos ist - als private Erfahrung zu verkaufen, was in Wahrheit auf einem Jahrmarkt der Emotionen feilgeboten wird. Eine Frau steigt aus ihrem Kleid, und Millionen Augen glauben, sie täte es nur für sie - oder wenigstens nur für sich.

          Das ist der atemberaubende Anfang von „Eyes Wide Shut“, der alles verheißt, was der Film dann fast störrisch verweigert. Kubricks letzter Film ist nicht halb so schlecht, wie er damals aufgenommen wurde, aber er kommt doch über weite Strecken so steif daher, wie es diese erste Szene eben genau nicht erwarten läßt. Was womöglich auch an Tom Cruise liegt, dessen Ausstrahlung hier nur ein matter Abglanz dessen ist, was ihm in jedem anderen Film spielend gelingt.

          Kolossal, monumental, museal

          Und doch bekommt auch „Eyes Wide Shut“ in der Rückschau etwas Abgeklärtes, Geschlossenes, Endgültiges, so daß die Frage seines Gelingens keine Rolle mehr zu spielen scheint. So steht auch diese letzte Arbeit neben den anderen elf Spielfilmen Kubricks, die so schwarz und kalt in der Filmlandschaft ragen wie der Monolith in „2001“ und deren finsteren Glanz man jetzt noch mal in einem gewaltigen Buch des Taschen-Verlags bewundern kann: „The Stanley Kubrick Archives“.

          Das Ding ist, wie könnte es anders sein, selbst ein Monolith. Die „Archives“ sind alles, was Kubricks Kino auch ist: kolossal, monumental, museal. Aufgeschlagen erreicht es mit seinem Cinemascope-Format fast eine Spannweite von einem Meter, und es wiegt so viel, daß es in einem Pappkoffer mit Tragegriff ausgeliefert wird. 150 Euro sind eine stolze Summe, aber das Buch ist seinen Preis wert. Dafür bekommt man über 500 Seiten, mehr als 1500 Fotos, dazu eine CD mit einem 70minütigen Interview aus dem Jahr 1966 und einen 70-mm-Filmstreifen aus „2001“.

          Ein Altar für den Prachtband

          Daß außerdem ein 160seitiges Heft mit den Übersetzungen der Texte beiliegt, ist schon deswegen sehr begrüßenswert, weil das unhandliche Format des Wälzers die Lektüre eher beschwerlich gestaltet. Das Heft kann man sich in gewohnter Lesehaltung im Sessel oder Bett zu Gemüte führen, während man für das Studium des Prachtbandes mindestens einen Eßtisch oder am besten gleich einen Altar braucht. Und eigentlich wünschte man sich dazu ein Paar weißer Restauratorenhandschuhe, damit beim Blättern keine Fingerabdrücke auf den glänzend schwarzen Grund der Seiten geraten.

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