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Feridun Zaimoglu : Ein Rausch und knochenharte Arbeit

Duldet keine Benutzeroberflächen: Feridun Zaimoglu an dem Ort, an dem er „knochenharte Arbeit“ leistet, in seinem Arbeitszimmer Bild: Daniel Pilar

Alle Welt tippt am Computer, er nicht. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu braucht beim Schreiben Widerstand. Sonst, sagt er, verlaust die Sprache. Heute tritt er als Stadtschreiber in Mainz an.

          6 Min.

          Was, vom Schreiben solle er erzählen? Nicht über Integrationsdebatte, Terroristen, Kopftuchmädchen und Mohammed-Karikaturen reden, sondern sein Schriftstellerhandwerk? „Das ist doch eine Finte“, habe er gedacht, als die Anfrage kam, sagt Feridun Zaimoglu und mimt den ungläubigen Blick auf ein imaginiertes Telefon in der Hand. Dann nimmt er den nächsten Zug aus seiner Zigarette, lässt die schweren Silberringe an den Fingern klimpern, und der Rauch verfliegt in schallendem Gelächter: „Ich kann mein Glück kaum fassen.“

          Mit „Kanak Sprak“ fing es an

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Zwanzig Jahre ist es her, dass Zaimoglu mit „Kanak Sprak“ auf den literarischen Betrieb losging und wütenden Immigrantensöhnen, den selbsternannten Kanakstern, eine literarische Sprache gab. Seitdem hat er in seinen Erzählungen, Theaterstücken und Romanen immer wieder Figuren gezeichnet, die ihren Weg zwischen zwei Kulturen suchen. Und Zaimoglu, der 1962 in Anatolien geboren wurde und ein Jahr später mit seinen Eltern nach Deutschland kam, um schließlich deutscher Schriftsteller zu werden, avancierte zu dem Kulturmenschen, den immer alle fragen, wenn es um deutsch-türkische Belange geht. Worauf er stets bereitwillig Auskunft gibt, ob in Talkshows oder in der Islamkonferenz. Doch nun, da er zum Mainzer Stadtschreiber für das Jahr 2015 ernannt wurde - am Donnerstag hält er seine Antrittsvorlesung im Gutenberg-Museum -, wäre Gelegenheit für ein anderes Gespräch. Zaimoglu in der Stadt, von der aus die frühneuzeitliche Medienrevolution Bücher von der Handschrift befreite, das ist doch ein Anlass, über die Art und Weise zu reden, in der er seine Bücher schreibt. Warum so und nicht anders. Und was seine Schreibpraxis mit der Sprache macht.

          Denn Feridun Zaimoglu verweigert sich konsequent dem Internet. Er besitzt keinen Computer, er schreibt mit der Hand oder tippt auf einer elektrischen Schreibmaschine, und das alles folgt einer über die Jahre wohleinstudierten Choreographie. Dass viele Kinder in der Schule heute nurmehr Druckbuchstaben schreiben lernen und möglichst früh auf Tastatur, Touchscreen und Bildschirm umsteigen sollen, hält er für einen Fehler. Nicht weil er ein Technikfeind sei, sagt er, und schon gar nicht aus einer „lausigen Bildungsbürgernostalgie“ heraus - und wie er so dasitzt in seinem vollgestellten Arbeitszimmer einer Kieler Altbauwohnung, Springerstiefel an den Füßen, schwarze Klamotten von oben bis unten, mit Silberschmuck behangen „wie ein Pfingstochse“ (so sagt er) und beäugt von Dutzenden Keramik-Gartenzwergen, die auf grob an die Wände gedübelten Winkeln thronen, glaubt man ihm sofort. Vor den Bücherregalen drängen sich gerahmte Frauenporträts, neben-, über-, voreinander, Zaimoglu ist auch bildender Künstler. In der arabesken Linienführung seiner Bilder sind die Romantik-Anleihen noch offensichtlicher als in seinen Büchern.

          Nächste Romanstation: Istanbul

          Auch an deren Anfang steht ein Liniengewirr. Es drängt sich auf dreifach gefalteten DIN-A4-Bögen, wie sie Zaimoglu aus der Hosentasche zieht, ein kleiner Kugelschreiber klemmt am Papier, aufgefaltet zeigt sich, dass es dicht beschrieben ist, in kleinen Textblöcken. Auf dem Schreibtisch stapeln sich solche Blätter, „Hotel Walhalla“ steht auf dem obersten. Der Schriftsteller hat eine Vorliebe für Briefbögen von Hotels, in denen er auf Lesereisen absteigt. Er habe es mit einem Diktaphon versucht: katastrophal. Zettel, Kuli, Handschrift, das seien einfach die Mittel der Wahl, mobil Gedanken festzuhalten. Und bewegen müsse er sich, „wie ein Frettchen“. Er könne nicht anders recherchieren, als physisch an die Orte zu reisen, um die es geht. Gerade war er in Istanbul, wo sein nächster Roman spielt. Kein Vergnügen für jemanden, der an Flugangst leidet und nie den Führerschein gemacht hat. Zaimoglu lacht, das klinge schon wieder, als wäre er ein Spinner.

          Körperlich schreiben: Stadtschreiber Feridun Zaimoglu
          Körperlich schreiben: Stadtschreiber Feridun Zaimoglu : Bild: Daniel Pilar

          Warum aber müssen die ersten Entwürfe mit der Hand entstehen? „Weil es so gleichzeitig organisiert und anarchisch zugeht“, sagt er. Kritzeln, durchstreichen, etwas dazuzeichnen, ist alles möglich. Dieses Schreiben ist „ein Fluss“, wenig kanalisiert. Szenen für Theaterstücke verfasst Zaimoglu ausschließlich handschriftlich und überlässt es seinem Ko-Autor Günter Senkel, die Entwürfe abzutippen. Texte, die wieder gesprochene Sprache werden sollen, bewahren für Zaimoglu so wohl eher ihre Lebendigkeit. Anders sieht es bei Prosa aus.

          Die AEG Olympia Carrera Si ist sein Fels

          Sie braucht ein strenges, mechanisches Regime. Zaimoglu rückt an den Tisch, der geflutet ist mit Büchern, Papieren, Schreib- und Zeichenstiften, Aschenbecher, Tassen, Marlboro-Menthol-Schachteln, Nippesfigürchen und einem Haufen Ringen, die Zaimoglu gerade nicht trägt. Wie ein Fels in der Brandung steht sie da, plastikbeigegrau und klobig: seine AEG Olympia Carrera Si. Der Schriftsteller streicht mit den Fingern über die Abdeckung, hebt sie an und zeigt das darunter laufende Farbband und das Korrekturband. Er weiß, dass diese Gesten etwas Museales haben, und weist ins Regal: „Ich habe um die zweihundert Bänder auf Halde.“ Die gebe es noch zu kaufen, die Maschine nicht. Weshalb er einen Vorrat von sieben Schreibmaschinen dieses Typs angelegt hat. Es ist eine Ironie des Digitalzeitalters, dass seine Freunde sie für ihn im Internet ersteigern. Fünf Maschinen hat er seit seinem Erstling zerschlissen, schrecklich ist ihm die Vorstellung, die nächste könnte rattern, die Seite fressen und dann „verrecken“, ohne dass Ersatz parat wäre.

          Wenn Zaimoglu sein handgeschriebenes Material für einen Roman beisammenhat - anderthalb Jahre hat es für seinen jüngsten Wurf gedauert -, wenn er Zettel mit Skizzen für Anfang, Ende und die Stationen dazwischen in der ganzen Wohnung auf dem Boden ausgebreitet hat und dazwischen hin und her getigert ist, setzt er sich hin. Immer morgens um Viertel nach zehn. Davor zeichnet er, um den Kopf zu leeren, kämpft eine halbe Stunde mit dem Fluchtinstinkt und legt los. Wasser. Zigaretten. Blatt einspannen. Die Notizen in den Blick nehmen. Tippen, mit einem Finger, aber flink. Aus dem anarchischen Handschriftkonvolut wird ein Text auf Papier, mit jeder Type, die sich schnalzend aus ihrem Widerstand löst und auf den Bogen senkt. Zwei Seiten jeden Tag sind sein Pensum. Er korrigiert fast nicht, und er wütet auch nicht nachträglich mit dem Stift im Geschriebenen. „Was ich getippt habe, ist gesetzt“, sagt Zaimoglu und steckt die nächste Zigarette an. Schaut dem Rauch nach und ist kurz still.

          Schreiben ist eine Überwindung

          Dann beugt er sich vor: „Ich will hier nicht den emotionalen Hippie spielen. Es geht um ein Buch. Das Schreiben ist eine Überwindung, ein Hinauswachsen in eine andere Existenz. Das ist ein Rausch und knochenharte Arbeit.“ Die Maschine hilft dabei. Sie zwingt zur Konzentration, sie verleitet nicht zum Online-Surfen, sie bleibt ganz beim Blatt, ohne Bildschirm-Interface, sie ist nichts als ein Buchstabenauswahlapparat. Seine Versuche mit einem Computer fasst Zaimoglu in einen Satz: „Es war furchtbar.“ Zu leichtgängig, die Buchstaben schwammen in einem Aquarium, alles war auf Probe, löschbar, verschiebbar, es verfehlte das Eigentliche: „Wenn ich etwas verschriftliche, ist es fest.“ Der PC wanderte auf den Elektroschrott.

          Wenn Zaimoglu von seiner Arbeit erzählt, klingt es wie schreibendes method acting. Er selbst müsse „verdampfen“, sagt er. Das sei mehr als Anverwandlung. Als seine Hauptfigur eine magere Frau war, verlor er sechzehn Kilo Gewicht - und auch seine Sprache zehrte es aus in „Isabel“. Sein neuestes Buch hat ihn sieben Kilo gekostet. Für fünfhundert Seiten Manuskript - der Stoß liegt neben der Schreibmaschine - wurde er ein deutscher Junge, der 1938 mit seinen Eltern in die Türkei flieht, weil sein Vater Sozialist war. „Sieben-Türme-Viertel“ ist Zaimoglus erster historischer Roman, er hebt die erste Seite auf, es ist der Prolog, er beginnt mit dem Satz: „Sie nennen mich Hitlers Sohn.“

          Schiller brauchte seine verfaulten Äpfel

          Wohl kaum ein Schriftsteller, der nicht eine spezielle Verbindung zu seinem Schreibwerkzeug aufbauen würde oder allerlei Marotten rund um seine Arbeit arrangierte. Schiller brauchte seine verfaulten Äpfel in der Schublade, Nietzsche verfiel als einer der Ersten der Schreibmaschine, Handke spitzt den Bleistift. Warum Zaimoglu seine Zweiteilung zwischen Zettelwirtschaft und Maschine braucht und vor allem vor dem Digitalen zurückschreckt? „E-Books finde ich Kacke“, lautet sein unumwundenes Diktum. Diese Pantomime des Blätterns lässt ihn schaudern. Dass ihn da etwas anleuchte. Der Schlüssel zu Zaimoglus Schreiben liegt vielleicht in seinem Ursprung.

          Erst waren da für ihn, das Kind des Arbeitermilieus, die erzählten Geschichten. „Aber zum Schreiben gekommen bin ich, weil ich Gedichte gefressen habe“, sagt er. Bachmann! Benn! Trakl! Brecht! Er setzt hinter jeden Namen ein Ausrufezeichen. Döblin ließ die ganze „Suhrkampliteratur“ als hohle „Schädelspalterprosa“ erscheinen. Er wollte, dass es gärt in seiner Sprache, dass sie zu Körpern gehört und nicht abstrakte Gedankenkonstrukte aus ihr sprechen.

          Zaimoglu hat bis zum Physikum Medizin studiert, bevor er zur bildenden Kunst und zur Schriftstellerei wechselte. Vielleicht denkt er Sprache deshalb physisch und schätzt Döblin. Vielleicht gilt deshalb für ihn: „Am Computer zu schreiben ist nicht körperlich genug.“ Und was den Verlust der Schreibschrift angehe: Da gehe es doch nicht um den Verlust von Schnörkeln und Schleifen, sondern um die Unterwerfung der Schrift unter ein behördliches Raster der Zweckmäßigkeit, in dem die Kategorie Schönheit schlicht nicht existiere. Es möge ja praktisch sein, nur noch zu tippen und zu tasten. „Aber es lässt die Sprache verlausen.“

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