https://www.faz.net/-gqz-7zsn1

Feridun Zaimoglu : Ein Rausch und knochenharte Arbeit

Schreiben ist eine Überwindung

Dann beugt er sich vor: „Ich will hier nicht den emotionalen Hippie spielen. Es geht um ein Buch. Das Schreiben ist eine Überwindung, ein Hinauswachsen in eine andere Existenz. Das ist ein Rausch und knochenharte Arbeit.“ Die Maschine hilft dabei. Sie zwingt zur Konzentration, sie verleitet nicht zum Online-Surfen, sie bleibt ganz beim Blatt, ohne Bildschirm-Interface, sie ist nichts als ein Buchstabenauswahlapparat. Seine Versuche mit einem Computer fasst Zaimoglu in einen Satz: „Es war furchtbar.“ Zu leichtgängig, die Buchstaben schwammen in einem Aquarium, alles war auf Probe, löschbar, verschiebbar, es verfehlte das Eigentliche: „Wenn ich etwas verschriftliche, ist es fest.“ Der PC wanderte auf den Elektroschrott.

Wenn Zaimoglu von seiner Arbeit erzählt, klingt es wie schreibendes method acting. Er selbst müsse „verdampfen“, sagt er. Das sei mehr als Anverwandlung. Als seine Hauptfigur eine magere Frau war, verlor er sechzehn Kilo Gewicht - und auch seine Sprache zehrte es aus in „Isabel“. Sein neuestes Buch hat ihn sieben Kilo gekostet. Für fünfhundert Seiten Manuskript - der Stoß liegt neben der Schreibmaschine - wurde er ein deutscher Junge, der 1938 mit seinen Eltern in die Türkei flieht, weil sein Vater Sozialist war. „Sieben-Türme-Viertel“ ist Zaimoglus erster historischer Roman, er hebt die erste Seite auf, es ist der Prolog, er beginnt mit dem Satz: „Sie nennen mich Hitlers Sohn.“

Schiller brauchte seine verfaulten Äpfel

Wohl kaum ein Schriftsteller, der nicht eine spezielle Verbindung zu seinem Schreibwerkzeug aufbauen würde oder allerlei Marotten rund um seine Arbeit arrangierte. Schiller brauchte seine verfaulten Äpfel in der Schublade, Nietzsche verfiel als einer der Ersten der Schreibmaschine, Handke spitzt den Bleistift. Warum Zaimoglu seine Zweiteilung zwischen Zettelwirtschaft und Maschine braucht und vor allem vor dem Digitalen zurückschreckt? „E-Books finde ich Kacke“, lautet sein unumwundenes Diktum. Diese Pantomime des Blätterns lässt ihn schaudern. Dass ihn da etwas anleuchte. Der Schlüssel zu Zaimoglus Schreiben liegt vielleicht in seinem Ursprung.

Erst waren da für ihn, das Kind des Arbeitermilieus, die erzählten Geschichten. „Aber zum Schreiben gekommen bin ich, weil ich Gedichte gefressen habe“, sagt er. Bachmann! Benn! Trakl! Brecht! Er setzt hinter jeden Namen ein Ausrufezeichen. Döblin ließ die ganze „Suhrkampliteratur“ als hohle „Schädelspalterprosa“ erscheinen. Er wollte, dass es gärt in seiner Sprache, dass sie zu Körpern gehört und nicht abstrakte Gedankenkonstrukte aus ihr sprechen.

Zaimoglu hat bis zum Physikum Medizin studiert, bevor er zur bildenden Kunst und zur Schriftstellerei wechselte. Vielleicht denkt er Sprache deshalb physisch und schätzt Döblin. Vielleicht gilt deshalb für ihn: „Am Computer zu schreiben ist nicht körperlich genug.“ Und was den Verlust der Schreibschrift angehe: Da gehe es doch nicht um den Verlust von Schnörkeln und Schleifen, sondern um die Unterwerfung der Schrift unter ein behördliches Raster der Zweckmäßigkeit, in dem die Kategorie Schönheit schlicht nicht existiere. Es möge ja praktisch sein, nur noch zu tippen und zu tasten. „Aber es lässt die Sprache verlausen.“

Weitere Themen

Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

Topmeldungen

Ist jetzt alles wieder gut? Armin Laschet und Markus Söder bei der Vorstellung des Wahlprogramms am Montag

F.A.Z.-Machtfrage : Wer braucht schon Wahlprogramme?

Wahlkampf ist nur Marketing und Werbung? Über den Sinn von Wahlprogrammen lässt sich zumindest streiten. Helfen die 139 Seiten Unions-Programm dem Kanzlerkandidaten Armin Laschet?
Wohnhäuser wie dieses findet man nur noch selten in Frankfurt, außer man ist steinreich.

Stadtplanung im Ballungsraum : Die Wohnungsbau-Misere

Vor zehn Jahren war der Markt für Wohnungen in Frankfurt noch in Ordnung. Seither geht es bergab. Doch auf der Suche nach den Gründen muss man noch weiter zurückblicken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.