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Feridun Zaimoglu : Ein Rausch und knochenharte Arbeit

Nächste Romanstation: Istanbul

Auch an deren Anfang steht ein Liniengewirr. Es drängt sich auf dreifach gefalteten DIN-A4-Bögen, wie sie Zaimoglu aus der Hosentasche zieht, ein kleiner Kugelschreiber klemmt am Papier, aufgefaltet zeigt sich, dass es dicht beschrieben ist, in kleinen Textblöcken. Auf dem Schreibtisch stapeln sich solche Blätter, „Hotel Walhalla“ steht auf dem obersten. Der Schriftsteller hat eine Vorliebe für Briefbögen von Hotels, in denen er auf Lesereisen absteigt. Er habe es mit einem Diktaphon versucht: katastrophal. Zettel, Kuli, Handschrift, das seien einfach die Mittel der Wahl, mobil Gedanken festzuhalten. Und bewegen müsse er sich, „wie ein Frettchen“. Er könne nicht anders recherchieren, als physisch an die Orte zu reisen, um die es geht. Gerade war er in Istanbul, wo sein nächster Roman spielt. Kein Vergnügen für jemanden, der an Flugangst leidet und nie den Führerschein gemacht hat. Zaimoglu lacht, das klinge schon wieder, als wäre er ein Spinner.

Körperlich schreiben: Stadtschreiber Feridun Zaimoglu
Körperlich schreiben: Stadtschreiber Feridun Zaimoglu : Bild: Daniel Pilar

Warum aber müssen die ersten Entwürfe mit der Hand entstehen? „Weil es so gleichzeitig organisiert und anarchisch zugeht“, sagt er. Kritzeln, durchstreichen, etwas dazuzeichnen, ist alles möglich. Dieses Schreiben ist „ein Fluss“, wenig kanalisiert. Szenen für Theaterstücke verfasst Zaimoglu ausschließlich handschriftlich und überlässt es seinem Ko-Autor Günter Senkel, die Entwürfe abzutippen. Texte, die wieder gesprochene Sprache werden sollen, bewahren für Zaimoglu so wohl eher ihre Lebendigkeit. Anders sieht es bei Prosa aus.

Die AEG Olympia Carrera Si ist sein Fels

Sie braucht ein strenges, mechanisches Regime. Zaimoglu rückt an den Tisch, der geflutet ist mit Büchern, Papieren, Schreib- und Zeichenstiften, Aschenbecher, Tassen, Marlboro-Menthol-Schachteln, Nippesfigürchen und einem Haufen Ringen, die Zaimoglu gerade nicht trägt. Wie ein Fels in der Brandung steht sie da, plastikbeigegrau und klobig: seine AEG Olympia Carrera Si. Der Schriftsteller streicht mit den Fingern über die Abdeckung, hebt sie an und zeigt das darunter laufende Farbband und das Korrekturband. Er weiß, dass diese Gesten etwas Museales haben, und weist ins Regal: „Ich habe um die zweihundert Bänder auf Halde.“ Die gebe es noch zu kaufen, die Maschine nicht. Weshalb er einen Vorrat von sieben Schreibmaschinen dieses Typs angelegt hat. Es ist eine Ironie des Digitalzeitalters, dass seine Freunde sie für ihn im Internet ersteigern. Fünf Maschinen hat er seit seinem Erstling zerschlissen, schrecklich ist ihm die Vorstellung, die nächste könnte rattern, die Seite fressen und dann „verrecken“, ohne dass Ersatz parat wäre.

Wenn Zaimoglu sein handgeschriebenes Material für einen Roman beisammenhat - anderthalb Jahre hat es für seinen jüngsten Wurf gedauert -, wenn er Zettel mit Skizzen für Anfang, Ende und die Stationen dazwischen in der ganzen Wohnung auf dem Boden ausgebreitet hat und dazwischen hin und her getigert ist, setzt er sich hin. Immer morgens um Viertel nach zehn. Davor zeichnet er, um den Kopf zu leeren, kämpft eine halbe Stunde mit dem Fluchtinstinkt und legt los. Wasser. Zigaretten. Blatt einspannen. Die Notizen in den Blick nehmen. Tippen, mit einem Finger, aber flink. Aus dem anarchischen Handschriftkonvolut wird ein Text auf Papier, mit jeder Type, die sich schnalzend aus ihrem Widerstand löst und auf den Bogen senkt. Zwei Seiten jeden Tag sind sein Pensum. Er korrigiert fast nicht, und er wütet auch nicht nachträglich mit dem Stift im Geschriebenen. „Was ich getippt habe, ist gesetzt“, sagt Zaimoglu und steckt die nächste Zigarette an. Schaut dem Rauch nach und ist kurz still.

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