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Feridun Zaimoglu : Kritiker der Islamkritikerinnen

Wirft Necla Kelek und Seyran Ates „Diffamierungen” vor: Autor Feridun Zaimoglu Bild: ddp

Lasst die jungen Musliminnen doch ihr Kopftuch tragen: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu wirft exponierten Islamkritikerinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates „Entgleisungen und Diffamierungen“ vor.

          Ein Gemeinplatz des gegenwärtigen geistigen Bürgerkriegs besagt, dass der Islam keine Reformation und folglich auch keine Aufklärung hinter sich habe. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hat allerdings am 17. Oktober 2003 in diesem Feuilleton eine Art Pietismus beschrieben. Unter dem Titel „Neo-Musliminnen in Ausgehuniform“ porträtierte er junge Frauen, die in Abwendung von der konventionell-äußerlichen oder buchstäblich-starren Religiosität ihrer Eltern die Gebote Gottes als Anleitung zur selbstbewussten Gestaltung des eigenen Lebens entdeckt haben. Sie wollen nicht hören, dass „Krieg gegen Gott“ führe, „wer den Glauben reformiert oder ihn an die westlichen Werte anpasst“, sondern „setzen dagegen auf die Erweckung - der Sinn der Heiligen Schrift erschließt sich allein dem Herz, das man durch Akte der Hingabe von der irdischen Patina befreien muss“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Vor der zweiten Sitzung der Islamkonferenz am 2. Mai bietet Zaimoglu nun an, seinen Sitz für eine Neo-Muslimin zu räumen, eine Frau, die sich nicht ausreden lassen will, dass sie aus freien Stücken ein Kopftuch trägt. Ihn stört, dass am Konferenztisch „sogenannte fromme Männer und sogenannte, in der medialen Inszenierung als Islamkritikerinnen gehypete Frauen“ zusammenstoßen, so dass schon das Setting suggeriert, am Ende der Verhandlungen müssten alle integrationswilligen Musliminnen Necla Kelek und Seyran Ates als Rollenvorbilder akzeptiert haben. Der Soziologin und der Anwältin wirft Zaimoglu „Entgleisungen und Diffamierungen“ vor: „Sie greifen diese jungen gläubigen Frauen ständig, unermüdlich an.“

          Der böse Geist

          Der Inhalt der Debatte bestätigt das Bild einer möglicherweise trügerischen Symmetrie: Die Fanatiker beider Seiten können sich auf Frau Kelek berufen, wenn sie erklärt, seinem „Wesen“ nach sei der Islam nicht in eine freie Gesellschaft zu integrieren. In einem Zeitungsbeitrag führte sie dieser Tage unter den „religiösen Traditionen“ den Ehrenmord auf. Zwecklos, dass gesagt wird, der barbarische Brauch widerspreche dem Islam: Letztlich sei der Islam „das, was der Imam predigt, der Vater oder der Clanchef meint“.

          Ein solcher Vater ist der böse Geist des Romans „Leyla“, in dem Zaimoglu, geboren 1964, das Leben seiner Mutter verarbeitet hat (siehe: Buchkritik: Feridun Zaimoglu, „Leyla“). Der Patriarch zitiert den Koran: „Hier steht es, ihr seid meine Untergebenen. Der Schlüssel zum Paradies ist in meinen Händen, ihr Hundebrut! Nicht ich habe die Regeln aufgestellt, sondern der Erhabene, dessen Namen ihr nicht in den Mund nehmen dürft, so schmutzig seid ihr.“ Eine glaubwürdige Koranauslegung sind diese Parolen im Zusammenhang des Romans nicht: Der Tyrann, so Martin Lüdke in seiner Rezension, hat den Islam zum Machtinstrument säkularisiert. Leyla erkennt, dass der Vater sich an Gottes Stelle gesetzt hat. Zaimoglu sieht bei seinen Neo-Musliminnen einen ersten Schritt der Emanzipation darin, dass Gott an die Stelle des Vaters tritt. Die Behauptung, es gebe diesen Weg nicht, ist Paternalismus.

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