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FAZ.NET-Spezial: Die Aufbau-Insolvenz : Ein Verleger auf der Flucht

  • -Aktualisiert am

Auf dem Transparten steht - „Wir sind Aufbau” Bild: F.A.Z.

Er hat jahrelang in den Aufbau-Verlag investiert, er hat um ihn prozessiert - nun will Bernd F. Lunkewitz sein Geld zurück, und der Traditionsverlag hat Insolvenz angemeldet. Wie geht es weiter an der Neuen Promenade in Berlin?

          Es ist der letzte große Verlag, der vom Leseland DDR noch übriggeblieben ist. Alle anderen sind verschwunden, früher oder später in den Jahren nach der Wende. Sie hatten gegen die Westverlage, die ihr Verbreitungsgebiet in Windeseile ausdehnten und ihre Backlist-Rechte oft genug gegen die Backlist-Rechte der Ostverlage durchsetzen konnten, keine Chance. Ist jetzt, neunzehn Jahre nach dem Mauerfall, wirklich das letzte große Haus des Ostens dran? Der Aufbau-Verlag hat am vergangenen Freitag Insolvenz angemeldet. Und was für eine!

          Der Showdown am Ende passt zur großen, wechselvollen Geschichte des Aufbau-Verlags. Dass er überhaupt überlebt hat, all die Jahre seit der Wende, lag an einem Mann: dem „Che von Kassel“, wie er einst genannt wurde, oder auch „Halunki“, wie er in einem im Internet kursierenden Schlüsselroman geschmäht wird: Bernd F. Lunkewitz, sechzig Jahre alt, Kommunist, Immobilienhändler, vielfacher Millionär, der seinen Reichtum gerne zeigt. Die Empfänge während der Frankfurter Buchmesse in seiner reichtumskalten, klassizistischen Marmorvilla in Frankfurt sind legendär. Seine Zigarren, die schwarzen T-Shirts, das ganze zur Schau gestellte Machertum sind es auch (ausführliches Porträt: Bernd F. Lunkewitz: Der Abenteurer). Dieser Mann, diese Figur hatte dem blassen deutschen Literaturbetrieb wirklich gefehlt. Und vor allem aber hatte so ein Mann dem Hause Aufbau gefehlt. Lunkewitz hat den Verlag mit den Weltrechten von mehr als tausend Autoren 1991 von der Treuhandanstalt gekauft. In den Jahren darauf hat er viele Millionen in den Verlag investiert und kam für alle Verluste des Hauses auf. Doch schon kurz nach dem „Kauf“ deutete sich an, dass es sich dabei um - je nach Lesart - ein bedauerliches Missverständnis der turbulenten Nachwendejahre oder einen wissentlich begangenen Betrug gehandelt hatte.

          Wut gegen den Staat

          Die Treuhand jedenfalls war zu keinem Zeitpunkt die rechtmäßige Besitzerin des Verlages, sondern der Kulturbund der DDR, der auch nach der Wende fortbestand. Die Rechtslage war lange ungeklärt, und Lunkewitz kaufte den Verlag 1995 ein zweites Mal, diesmal vom Kulturbund. Und seit jener Zeit führte Bernd Lunkewitz Prozess um Prozess gegen die Treuhandanstalt beziehungsweise die Bundesrepublik Deutschland. Die ersten Prozesse verlor er, gab nicht auf, gab mehrere Millionen Euro für Prozess- und Anwaltskosten aus und bekam schließlich im März 2008 in letzter Instanz vor dem Bundesgerichtshof recht.

          Man kommuniziert nur noch über Briefe und Transparente

          Seine Wut gegen den Staat, gegen den Finanzminister, gegen die Treuhand, die er immer wieder eine „in Teilen kriminelle Vereinigung“ nannte, ist mit den Jahren ins Unermessliche gewachsen. Die Prozesse gegen die Bundesrepublik, der Kampf gegen das offensichtliche Unrecht hatten immer größeren Raum eingenommen, waren sein beherrschendes Lebensthema geworden. Wichtiger auch als der Verlag, den er immer wieder als sein „Lebenswerk“ bezeichnet hatte. Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofs wurde es erst richtig kompliziert. Jetzt, nachdem ihm letztinstanzlich bestätigt worden war, dass er neunzehn Jahre lang in ein Unternehmen investiert hatte, das ihm faktisch nicht gehörte, beschloss er, seine Investitionen jener Jahre zurückzufordern. Die Rede ist von 48,8 Millionen Euro, die Lunkewitz jetzt von jenem Aufbau-Verlag fordert, der nur eine Treuhand-Hülle war, ein Name ohne Inhalt, ein Verlag ohne Rechte. Natürlich kann der Verlag das nicht zahlen, denn zugleich stellte Lunkewitz auch seine Zahlungen an den Verlag, die Haftung für alle laufenden Kosten mit sofortiger Wirkung ein. Freitag vergangener Woche ließ er das die Geschäftsführer schriftlich wissen, der Verlag meldete noch am gleichen Tag Insolvenz an.

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