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Fälschungen : Frisierte Geschichten - das Phänomen erfundener Erinnerungen

  • -Aktualisiert am

Vom Markt genommen: Khouris Geschichte einer Freundschaft Bild: Wunderlich

Gefälschte Autobiographien dokumentieren Lücken in der Überlieferung. Die jüngsten Fälle kommen nicht mehr aus der eigenen Vergangenheit wie dem Holocaust, sondern aus einer fremden Gegenwart.

          Ob es sich um erfundene Erlebnisse als Kriegsberichterstatterin in Afrika, als unterdrückte Frau in Jordanien oder als Kind im Konzentrationslager handelt: Die Autobiographie als Erfindung eines Alter ego, das ankommt und sich verkauft, das es aber gar nicht gibt, hat Konjunktur. Gemeinsam haben diese Fälle von zunächst als real ausgegebenen Geschichten vor allem, daß sie nach kurzer Aufregung, des Hin und Her um ihre Authentizität und dem Rückzug der betreffenden Bücher aus dem Handel auch aus der öffentlichen Aufmerksamkeit wieder verschwinden. Und das meistens, noch bevor die konkreten Fälle in der Regel gerichtlich abgeschlossen werden.

          Es sind Betriebsunfälle von schöner Regelmäßigkeit im Mediengewerbe, das an sich der Echtheit verpflichtet ist. Gegenwärtig ist es das Buch von Norma Khouri "Du fehlst mir, meine Schwester", an dem das Phänomen erfundener Erinnerungen und der Umgang der Leser, Verlage und Literaturagenturen damit wieder zu studieren sind.

          Grund zur Klage

          In ihrer international 250.000 Mal verkauften Pseudodokumentation schildert die Autorin ihre Freundschaft mit einer Jordanierin, die wegen ihrer Liebe zu einem Christen vom eigenen Vater ermordet wird. Die in Australien lebende Norma Khouri war mit ihrer Geschichte öffentlich aufgetreten und galt als Sprecherin gegen die Frauenunterdrückung in islamischen Ländern. Nach achtzehnmonatiger minutiöser Recherche hat sich nun aber der Verdacht des australischen Literaturkritikers Malcolm Knox bestätigt: Die Geschichte ist frei erfunden, Khouri lebt seit ihrer Kindheit in den Vereinigten Staaten. Auch der Rowohlt Verlag hat daraufhin die deutsche Übersetzung zurückgezogen.

          Noch verkauft, nicht mehr beworben: Zamars Erfahrungsbericht

          Leser und Verlage fühlen sich betrogen, Frauenorganisationen sehen ihre Anliegen durch die Unterstützung der falschen Zeugin geschädigt. Norma Khouri ist in Australien im Moment damit beschäftigt, zu beweisen, daß sie zur fraglichen Zeit wirklich in Jordanien war. Die Verlage können die Schriftstellerin aufgrund des geschlossenen Vertrags verklagen. Rowohlt will es zumindest versuchen, mit eher geringen Erfolgschancen.

          Wer bürgt für die Wahrhaftigkeit?

          Das klingt ebenso routiniert wie resigniert, und schließlich ist Norma Khouri auch kein Einzelfall. Zweifel sind längst auch an Nima Zamars Erfahrungsbericht "Ich mußte auch töten" aufgekommen, in dem sie von ihrer Tätigkeit bei einem israelischen Geheimdienst erzählt. Nima Zamars französischer Verleger weigert sich aber bisher, an eine Fälschung zu glauben. Solange er das Buch nicht zurückzieht, wird auch die bei Rowohlt erschienene deutsche Übersetzung auf dem Markt bleiben. Vorsichtsmaßnahmen wurden hier allerdings bereits eingebaut: Das Buch wird zwar noch verkauft, aber vom Verlag nicht mehr beworben. Gut möglich, daß es bald ebenso stillschweigend in der Versenkung verschwindet wie Ulla Ackermanns Erlebnisbericht als Kriegsberichterstatterin "Mitten in Afrika", den Hoffmann und Campe im letzten Jahr zurückziehen mußte.

          Läßt sich hier vorbeugen, das Problem des gefälschten Dokumentarberichtes verringern? Die Verlage verweisen, da sie offensichtlich nicht die Mittel haben, jede einzelne Geschichte auf ihre Wahrhaftigkeit zu überprüfen, auf die Agenturen, auf die sie sich verlassen können müssen, und diese wiederum auf die Glaubwürdigkeit der Schriftsteller selbst. Nima Zamars Verleger etwa kennt seine Autorin seit ihrer Kindheit und vertraut ihr.

          Einen Schritt weiter gegangen

          Es macht diese Fälle so faszinierend und zugleich unausdeutbar, daß sie auf das Kernproblem jeder medialen Aufbereitung der Wirklichkeit verweisen, die immer schon eine Form des Erzählens ist. Darum wird auch der seit einiger Zeit in den Vereinigten Staaten in Umlauf gebrachte Begriff der "faction", der einen Raum zwischen "Fakten" und "Fiktionen" bezeichnen soll, hier weder Klärung bringen noch eine neue Gattung etablieren können.

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