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Fälschungen : Frisierte Geschichten - das Phänomen erfundener Erinnerungen

  • -Aktualisiert am

Die Interaktion von Büchern und Leben ist nicht selten selbst Gegenstand literarischer und filmischer Erzählung geworden. In der "Unendlichen Geschichte" verschwindet ein Junge in einem Buch, während im "Don Quichotte" und in "Madame Bovary" Leben und Lesen durcheinandergeraten. Reale Personen gehen hier mit ihren erfundenen Erlebnissen noch einen Schritt weiter: Sie schreiben sich die Geschichte, in der sie leben wollen, gleich selbst. Aus Bausteinen verfügbaren Wissens wird dabei eine neue Identität gebastelt, die wiederum einem Leser, der über die gleichen Wissensbrocken verfügt, zugleich exemplarisch und wahrscheinlich vorkommen muß. Vermutlich ist es diese Mischung, die die fraglichen Werke so beliebt macht, wobei sich die Frage stellt, welche Bedürfnisse die einzelnen Geschichten befriedigen und durch welche Lücken in den gegen sie getroffenen Vorsichtsmaßnahmen sie immer wieder hindurchzuschlüpfen vermögen.

Scheinbar schließen sie Lücken in unserem Wissen

Für viel Aufmerksamkeit hatte 1998 der "Fall Wilkomirski" gesorgt, als klar wurde, daß die Kindheitserinnerungen des Schweizers, mittels deren er sich die Identität eines Auschwitz-Überlebenden zugelegt hatte, erfunden waren. Was den Fall so interessant machte, war, daß darin der Wunsch nach Opferidentität, umstrittene psychoanalytische Rekonstruktion "verlorener Erinnerung" und ein verschwommener Gedächtnisbegriff kulminierten. Nach Wilkomirski ließ sich das Bemühen beobachten, die Kategorien "Literatur" und "Geschichte" wieder auseinanderzuhalten und Historie und Erfahrung erneut in ihre Rechte einzusetzen.

Trotz dieser Sensibilisierung sind die unwahren Autobiographien nicht seltener geworden. Gegenwärtig kommen sie nur nicht mehr aus der eigenen Vergangenheit wie dem Holocaust, sondern aus einer fremden Gegenwart, aus dem Nahen Osten oder aus Afrika. Nach wie vor schließen sie scheinbar Lücken in unserem Wissen, indem sie Vermutungen bestätigen: Es verhält sich also wirklich so, wie wir gedacht haben. Unabhängig davon, wie schlimm die einzelne Geschichte ist, hat dieser Befund etwas Beruhigendes. Bezeichnenderweise werden dabei grobe Fehler, die im nachhinein völlig augenfällig sind, übersehen, etwa, daß es in Jordanien keine Friseursalons gibt, in denen Männer ebenso wie Frauen bedient werden, und daß dieser Handlungsort von Norma Khouris Geschichte sie von Beginn an als westliche Versuchsanordnung kenntlich macht.

Den Wunsch nach einem Zeugen

Solche Bücher vermitteln zwischen beruhigender Nähe und einem unverständlich-fremden Umfeld. Das diffuse Grauen läßt sich einordnen, es wird domestiziert. Die entsprechende Literatur stillt das mediale Bedürfnis nach Vermittlung. Sie ist Medium im Wortsinne, das anders als die meist sperrigen und irritierenden Zeugenberichte die Lücken in der Überlieferung zu schließen vermögen. Daß sich in allen genannten Fällen die Autoren als Opfer imaginieren, verweist auf die anhaltende Sehnsucht, als Opfer Anspruch auf Empathie geltend machen zu können.

Mit Blick auf gefälschte Autobiographien ist das aber auch nicht so neu, wie zuweilen angenommen wird. Vielmehr zeigt ein Blick auf historische Fälschungen, daß an Opfergeschichten leicht anzuknüpfen ist und daß es gerade die aus den Annalen verschwundenen "schwachen Geschichten" sind, die sich zur Fälschung eignen. Beispiele hierfür sind die Erzählungen der falschen Anastasia, die sich als der Revolution entkommene Zarentochter ausgab, oder der "falschen Ludwige", die behaupteten, Sohn von Ludwig XVI. und Marie Antoinette zu sein, der während der Französischen Revolution ebenfalls umgekommen war.

Es sind Brüche in der Geschichte und damit entstandene Lücken in der Überlieferung, aus denen gefälschte Erinnerungen hervorgehen können. Wie Fälschungen überhaupt sind diese Geschichten in der Regel einfach zu glatt, was sich aber auch erst im nachhinein erkennen läßt. Sie befriedigen den Wunsch nach einem Zeugen, der zugleich vermittelt und keine neuen Abgründe im Verständnis aufreißt. Absehbar sind sie indes nicht, sie scheinen ihrer Diskussion stets einen Schritt voraus zu sein und immer das zu liefern, worauf die Suche nach Authentizität gerade zielt. Indem sie immer neu vorspiegeln, der Wahrheit schon ganz nahe gekommen zu sein, sind es vielleicht gerade sie, die das Dokumentationsgewerbe überhaupt am laufen halten.

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