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Facebook-Kläger Max Schrems : Mit Daten sollten wir besser gar nichts bezahlen

Enthüllt die Rechtsverstöße und vielen kleinen Bluffs, mit denen die großen Datensammler ihre Geschäftsmodelle absichern: Max Schrems Bild: AFP/Getty Images

Eine Entzauberung der Digitalwirtschaft: Der junge Jurist und Facebook-Kläger Max Schrems zeigt in einem mitreißenden Buch, was hinter den vollmundigen Slogans der IT-Industrie wirklich steckt.

          Außer den Programmierern des sozialen Riesennetzwerks gibt es wohl keinen Menschen auf der Welt, der sich mit Facebook so gut auskennt wie der sechsundzwanzig Jahre alte Wiener Jurist Max Schrems. Anders als viele seiner Altersgenossen, hat er den amerikanischen Internetgiganten nicht nur an der Benutzeroberfläche, sondern auch in seinen algorithmischen Tiefen kennengelernt. Als Schrems während des Studiums in Amerika einen Facebook-Vertreter bei einem Vortrag leichthin sagen hörte, dass das Unternehmen europäische Grundrechte ignoriere, wurde seine Neugier geweckt: Was treibt Facebook da eigentlich?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Schrems machte von seinem Auskunftsrecht Gebrauch und erwirkte im Jahr 2011 nach längerem Hin und Her die Herausgabe der Daten, die der Konzern über ihn gespeichert hatte. Er bekam ein pdf-Dokument mit Rohdaten, die, obwohl Schrems nur Gelegenheitsnutzer war, ausgedruckt 1222 Seiten umfassten - ein Umfang, den im letzten Jahrhundert nur Stasi-Akten von Spitzenpolitikern erreichten. Misstrauisch machte ihn, dass das Konvolut auch Daten enthielt, die er mit den gängigen Werkzeugen von Facebook längst gelöscht hatte, und solche, die nur durch Big-Data-Anwendungen errechnet worden sein konnten: sein Universitätsort, den er nie angegeben hatte, und sein wahrscheinlicher letzter Aufenthaltsort.

          Wer gewinnt im Daten-Monopoly?

          Schrems beschloss als einer der ersten Nutzer überhaupt, Facebook wegen Vergehen gegen das europäische Datenschutzrecht zu verklagen. Diese Geschichte ist weltweit in den Medien erzählt worden und Schrems streitet sich bis heute mit der zuständigen irischen Datenschutzbehörde - einer Behörde übrigens, die über einem Supermarkt in der irischen Provinz angesiedelt ist und unter ihren zwanzig Mitarbeitern, so Schrems, keinen einzigen Juristen oder Techniker zählt. Man kann sich gut vorstellen, dass auch für andere Großkonzerne wie Google oder IBM eine Europa-Zentrale in Irland nicht nur aus steuerlichen Gründen interessant war.

          Die Hausjuristen von Facebook müssen jedenfalls gefeixt haben, als sie bei einer Analyse der irischen Rechtslage feststellten, dass das Land bei der Umsetzung der EU-Datenschutzrichtlinie vergessen hatte, Strafzahlungen festzulegen. Trotzdem versuchte Facebook, Schrems’ Klage zu verhindern, schickte sogar seinen Chef-Lobbyisten zu Verhandlungen nach Wien und machte die schon fest etablierte Gesichtserkennung rückgängig. Doch Schrems beharrte auf seiner Klage, der inzwischen, mit Hilfe des Crowdfunding-Vereins „Europe versus Facebook“, eine Reihe weiterer gefolgt sind.

          Es ist aber nicht nur das Erzähltalent, mit dem Schrems seine Initiationsgeschichte schreibt, das besticht. Seine Trümpfe spielt er in der gedanklichen Durchdringung der IT-Industrie aus. Im „Daten-Monopoly“ mit dem Bürger liege diese momentan klar in Führung, weil sie es vermocht habe, bunt angemalte Mythen im kollektiven Bewusstsein festzusetzen. Die Art und Weise, in der Schrems diese Mythen im Anschluss durchleuchtet, ist ein intellektuelles Vergnügen.

          Verlust des Grundrechts für Cent-Beträge

          „Die Nutzer zahlen doch mit ihren Daten!“, lautet der wohl verbreitetste Slogan der Digitalwirtschaft. Schrems hält dem entgegen, dass doch ein Großteil der Inhalte auf den Seiten von Unternehmen wie Facebook oder Google von den Nutzern selbst gratis zur Verfügung gestellt werde. Und wer sage eigentlich, dass der Nutzer einen angemessenen Jahresbeitrag für die angebotenen Dienste zurückweisen würde? Hier ist dann für Lobbyisten der Zeitpunkt gekommen, das immer wieder zu hörende Totschlagargument anzubringen: „Der Nutzer möchte im Netz nichts bezahlen!“

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