https://www.faz.net/-gqz-xxdc

F.A.Z.-Sachbücher der Woche : Verstohlene Nachtarbeit im leeren Chefsessel

  • Aktualisiert am

Bild:

Heinrich von Pierer schreibt eine verstörende Autobiographie, Winfried Speitkamp folgt dem Begriff der Ehre und Horst Bredekamp geht unserer Empfänglichkeit für Bilder nach. Dies und mehr in den F.A.Z.-Sachbüchern der Woche.

          6 Min.

          Als Heinrich von Pierer vergangene Woche in den Räumlichkeiten der Bundespressekonferenz seine Autobiographie vorstellte, waren sich viele Medienvertreter in einem Punkt einig: Man zeigte sich enttäuscht darüber, dass der Autor es an einer vertieften Auseinandersetzung mit der Schmiergeldaffäre bei Siemens fehlen ließ. Es geht um die zweifelhaften Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, die zwischen 1999 und 2006 von Mitarbeitern des Unternehmens geleistet worden sind, in jener Zeit, als Pierer Vorstandsvorsitzender beziehungsweise Aufsichtsratschef bei Siemens war. Und in der Tat: Nur ein Zehntel seiner Autobiographie widmet sich ausdrücklich dem Korruptionsthema, und dies hauptsächlich in Form einer scharfen Medienkritik.

          Nur eine Ordnungswidrigkeit

          Nun versteht es sich nicht von selbst, dass eine Autobiographie die Rolle eines Korruptionsberichts übernehmen soll, aber die Dramaturgie, die Pierer für sein Buch wählte, schürt genau diese Erwartung, die dann als performativer Widerspruch gegen den Autor ausschlägt. Denn Pierer beginnt und beendet seine Autobiographie mit dem Bußgeldbescheid in Höhe von 250 000 Euro, den er von der Münchner Staatsanwaltschaft zur Unterschrift wegen verletzter Aufsichtspflicht vorgelegt bekommen hat, so dass der umfangreiche Textteil dazwischen als die weit ausholende Geschichte zum Bußgeldbescheid erscheint.

          Auf mehr als eine Ordnungswidrigkeit wurde tatsächlich nicht erkannt, Pierer ist weder verurteilt noch angeklagt worden, bis heute wies man ihm keine strafrechtlich relevante Beteiligung an der Schmiergeldaffäre nach (die fünf Millionen Euro, die er bei einem Vergleich an Siemens überwies, wollen nicht als Schuldeingeständnis gelten). Das Buch ist in eine Cliffhanger-Dramaturgie gespannt: Am Anfang, auf Seite 7, die Forderung der Staatsanwaltschaft: „Am Montag müsse der Bescheid unterschrieben werden.“ Dann vierhundert Seiten Buch, um auf Seite 417 mit dem Satz zu enden: „Am Montag, 1. März 2010, habe ich den Bußgeldbescheid unterschrieben.“

          Drahtzieher im Establishment

          Die Suggestion dieses Ringbaus ist klar. Das Buch „Gipfel-Stürme“ hätte demnach den unausgesprochenen Untertitel: „Anatomie einer Ordnungswidrigkeit“. Der Leser hat die Wahl: Entweder er entzieht sich der Suggestion und ärgert sich darüber, dass die Erwartung nicht erfüllt wird und der größte Teil des Buches mit der Schmiergeldaffäre augenscheinlich nichts zu tun hat. Oder er liest auch diesen größeren Teil als Subtext zum Korruptionsskandal, was sich als eine im Ganzen reizvolle und nicht unfruchtbare Lektüre erweist. Man gewinnt dann einen Eindruck davon, wie sich eine Biographie von einem einzigen Punkt her erzählt: von dem Punkt, nicht mehr der zu sein, der man einmal in dem kompakten Sinne eines Selbstverständnisses gewesen ist.

          Mit diesem Selbstverständnis ist das Selbstverständliche der Biographie weggebrochen, die Form zertrümmert, auf die man alle seine Erfahrungen zu beziehen gewöhnt war. In der Erzählung kann Pierer noch einmal die Position des Siemens-Lenkers einnehmen, von der aus er die Stationen seines Lebens auf die Reihe bekommt. Womit auch gesagt ist: Von einer anderen Position als dieser des gewesenen Repräsentanten der Deutschland AG, des Beraters der hohen Politik von Kohl, Schröder und Merkel, des Redners vor dem UN-Sicherheitsrat in New York - von einer anderen Position als jener des Drahtziehers im Establishment kommt hier kein Verslein zustande.

          Verstörende Passagen

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

          Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

          In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.