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Ezra Pound-Hörspiel im HR : Und es rauscht

Das Medium Radio, das jetzt sein künstlerisches Erbe ausstrahlt, hat er selbst zu Propagandareden für die Achsenmächte benutzt: Ezra Pound Bild: akg-images / Mondadori Portfolio

Rund ein halbes Jahrhundert hat der Dichter, Faschist und Modernist Ezra Pound an seinen „Cantos“ gearbeitet. Der Hessische Rundfunk sendet jetzt eine Auswahl als Hörfassung. Bringt das was?

          4 Min.

          Von Göttinnen und Helden lacht oder droht die mehrstimmige Rede, von Odysseus und von seinem jüngsten Begleiter Elpinor, den sie „unbestattet“ nennt. Unbestattet, untot ist auch der in Ruhm wie Schande fortlebende Verfasser der Texte, die da gesprochen werden, von Schausprecherinnen und Spielrednern wie Michael Rotschopf, Imogen Kogge, Elena Schmidt, Jürgen Holtz, in der Bearbeitung und Regie von Christian Bertram, dem dramaturgisch Peter Liermann zur Hand ging und musikalisch die Gebrüder Teichmann geholfen haben. Antikes gibt Laut, aber dann fällt mittendrin ein Wort, das zwar ebenfalls älteren griechischen Ursprungs ist, aber nicht aus dem Mythos oder dem Epos herüberklingt, sondern modernes Debattensignal ist: „Politiker“.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Das Gedicht, das in dieser Radiofassung mal wie eine Frau, mal wie ein Mann und mal wie ein Biest aus der Hölle klingt, weiß über diese Politiker nur Schlechtes: „Handgelenke an Fersen geschnürt“ recken sie „den blanken Steiß. Fratzen auf Sitzfleisch geschmiert, Glotz-aug auf Schlotterbacke, Schamhaare zum Bart.“ So ein Wesen spricht aus dem Hintern, wenn es eine Botschaft an die Massen hat, geldgierig, kriegsgeil, und was es von sich gibt, ist unwahr. Geht’s um die Zeit, in der diese Worte vom Hessischen Rundfunk gesendet werden, ums Jahr 2018? Nein, es geht um die Cantos, das Lebenswerk des Dichters, Rechthabers, Spinners, Faschisten, Förderers großer Kolleginnen und Kollegen, Zukunftsbeschwörers und Vergangenheitsverklärers Ezra Pound.

          Wissen die Cantos etwas, das man hören will?

          Der Löwenanteil des Werks entstand im halben Jahrhundert zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Beatnik-Ära, ein paar Skizzen sind älter, ein paar Nachträge jünger; Pound starb 1972 siebenundachtzigjährig im selbstgewählten venezianischen Exil. Wissen die Cantos etwas, das man hören will, Wahres vielleicht?

          Nicht nur Neuigkeiten, sagen sie oft, können fake sein, auch Material aus den Archiven ist falsch, vielleicht das halbe Menschheitsgedächtnis, das abendländische zumindest, weswegen man fürs große Bild vom Ganzen, auf das der Dichter hinauswollte, eine andere Hälfte braucht und konstruieren muss – er nannte seine „Cathay“, gemeint war das China des von Pound ziemlich eigenwillig ausgelegten Meisters Kung.

          Fernöstliche Ideogramme, hellenistische Bildungsbrocken, nordamerikanische Staatsgründungsdokumente, gläserne Miniskulpturen aus Worten: Man kann die Cantos gar nicht komplett senden, weil es sie „komplett“ eh nicht gibt, „I cannot make it cohere“, ich kriege es nicht zusammen, hat der Schöpfer selbst im Alter geklagt, als der Starrsinn seiner Mannesjahre dem Elan seiner Jugend hinterher ins Nichts gestürzt war. Was der Hessische Rundfunk daher sendet, ist die gerechtestmögliche, auf Sinnsang hin montierte Zitatensammlung aus dem Sagensack dieser Dichtung, Illustration des Prinzips der Einschachtelung und Verschränkung, das dem Dichter die Balkenbrückenstatik zwischen Gegenwart und Mythentiefe, lokal Erlebtem und universal Geahntem gewährleisten sollte.

          Es gibt nur eine Meisterschaft

          Zwei Menschenalter vor Hiphop hat er das Prosodische in der angloamerikanischen Dichtkunst von jener tödlichen, akademisch gestärkten und schöngeistig gebügelten Starrheit befreit, die in der nachromantischen Zeit die Bewegungsfreiheit lyrischen Schaffens nicht nur seines Sprachraums zu ersticken drohte, und Jahrzehnte vor dem Popsongwesen, das zwischen rhapsodischen und vergrübelten Tonarten dem englischen Gedicht die Sangbarkeit zurückeroberte, hat er eine beredte Beweglichkeit der Verskunst errungen und sogar gegen den größten, bösartigsten Schwachsinn seiner eigenen Meinungen, auch den übelsten Kitsch seiner erotischen Neigungen nicht verraten.

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