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Event-Lexikologie : Sprechen Sie Duden?

Was verbirgt sich hinter der „Brötchentaste”? Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Der Duden wird in seiner Auswahl immer „fluffiger“. Selbst „Bikinilinie“ und „Best Ager“ sollen in Zukunft richtig geschrieben werden. Eine Polemik gegen die aktuelle Neuwort-Auswahl - und Anregungen für den kommenden Duden-WM-Jahrgang.

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          Nichts gegen die Aufnahme der „Brötchentaste“ in den Duden. Diese Taste erlaubt uns das Kurzparken ohne Gebühr. Statt fünf Brötchen dürfen es dann auch mal sieben in der Tüte sein. Nichts gegen die Berücksichtigung der „Auflaufkinder“, ein Wort, das es uns erleichtert, die goldigen Nationalspielerbegleit-Kinder ohne Umschweife zu benennen. Auch der Open-Source-Software, dem Elterngeld, der Knopflochchirurgie und der Guthabenkarte sei ein Platz im Duden gegönnt.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Doch viele der 3.000 Duden-Neuaufnahmen in der ab Ende Juli erhältlichen 24. Auflage - 100 davon wurden bereits veröffentlicht - sind auf fast provozierende Weise „fluffig“: „Bikinilinie“, „Wohlfühlfaktor“, „Best Ager“ oder „Patchworkbiografie“ - muß man die wirklich richtig schreiben und mit einer Lexikalisierung stärken? „Vermüllen“ sie nicht ganz „ergebnisoffen“ unsere Sprache? Werden sie nicht zur „Feinstaubbelastung“, zum „wirkmächtigen“ „Leerstand“, zum „Phishing“ für unseren „Flurfunk“? - Eine Frage, so alt wie die Menschheit.

          „Pancetta“ mit „Champagnerdusche“

          Schwer im Magen liegen einem auch die neu aufgenommenen Nahrungsmittel: „Shiitake“, „Roibuschtee“ und „Gammelfleisch“. Puh. Hat die Eßkultur unserer Tage wirklich nichts Besseres zu bieten? Eßbar erscheint lediglich der „Pancetta“. Aber warum brauchen wir ein zweites Wort für Speck - weil „Pancetta“ nicht so fettig klingt?

          Hätten wir gerne vergessen: Das „Gammelfleisch”

          Nein, die neuen Duden-Begriffe können es einem in kulinarischer Hinsicht nicht rechtmachen. Da hilft auch keine „Champagnerdusche“ oder die „Event-Gastronomie“, denn sie sind wiederum zu fluffig, um satt zu machen.

          „Stallpflicht“ für „Goleo“

          Für Schieflage sorgt auch die kabarettistische Neigung der Dudenredaktion, in die Neuwörter eine Art ironische Jahreschronik einzuschmuggeln. So schaffen es dann Wörter wie „durchregieren“, „Scoubidou“, „Goleo“ oder „Kompetenzteam“ in das Lexikon. Allerdings werden sie wahrscheinlich nie wieder nach 2006 in den Mund genommen werden. Hier bricht die Redaktion mit ihren eigenen Prinzipien. Ein bißchen Schlankheitswahn hätte ihr gut getan.

          Schräg auch die neu hinzugekommene Fernseh-Begrifflichkeit, was freilich insofern von einigem Realitätssinn zeugt, als die Fernsehzeitung eines der beliebtesten deutschen Druckerzeugnisse ist. Warum aber gerade jetzt die Neuaufnahme so alter Hüte wie „Publikumsjoker“, „Telenovela“ oder „Saalwette“? Wo doch letztere - eine Erfindung von Frank Elstner aus den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts - zudem schon lange „Stadtwette“ heißt. So sehr ist das Fernsehen auch wieder nicht im Kommen, daß man jetzt schon einen Retro-Wortschatz pflegen müßte.

          Düstere Prognosen

          In den Bereich der Zukunftsprognose schwingen sich dagegen Begriffe wie „Starkregen“, „Stallpflicht“ oder „Strommarkt“ auf - Begriffe, denen die Duden-Redaktion offenbar viel Potential zuschreibt. Düster auch die beiden neu aufgenommenen Berufsbezeichnungen: „Fallmanager/in“ (Arbeitslosenberater/in) und „Tatortanalytiker/in“ - den Arbeitsmarkt werden sie mit Sicherheit nicht umkrempeln.

          Doch fassen wir uns auch an die eigene Nase: Die aktuelle Duden-Begriffsauswahl verfestigt lediglich den bestehenden Eindruck, daß der neuen deutschen Umgangssprache die Mitte, das Produktive und Intersubjektive fehlt. Oder kann man schon sagen: fehlte?

          Fanmeile statt „Stallpflicht“

          Denn gerade in den letzten Wochen hat sich etwas getan im Land des Dudens: Mit großer Anteilnahme hat Deutschland zum Beispiel den „Problembären“ ins Herz geschlossen - und mit großer Lust einen schillernden Begriff entdeckt, der nicht nur Bruno, sondern uns alle meint.

          Und auch die unvergleichlichen WM-Wochen haben unserer Umgangssprache neuen Auftrieb gegeben und zum Dauergebrauch solch gemeinschaftsbildender, wenn auch verordneter Begriffe wie „Fanmeile“, „Teamgeist“ oder „Public Viewing“ geführt. Auch Formulierungen wie André Hellers „Die Welt zu Gast bei Freunden“ oder Grönemeyers „Zeit, daß sich was dreht“ sind - denkt man an die Diskussion über den Slogan „Du bist Deutschland“ - dankbar aufgenommen worden.

          Party als Öffentlichkeitsarbeit

          Aber auch bestehende Wörter wie „geil“ und vor allem „Party machen“ haben durch Experten- und Nationaltrainergebrauch restlos eine Bedeutungserweiterung erfahren: So hat sich das Party-Machen im Sprachgebrauch unmerklich vom Privat-Vergnügen zur national-fröhlichen Öffentlichkeitsarbeit gewandelt. Und Klinsmanns sehniges Lieblingsverb „etwas durchziehen“ läßt spielend Merkels steriles „durchregieren“ hinter sich.

          Vielleicht kann man folgendes festhalten: Der offene Umgang untereinander ist gleichsam zur Brötchentaste für eine neue, mitnehmende Umgangssprache geworden. Und wenn es so weitergeht mit den neuen deutschen Umgangsformen, werden wir den Neuwort-Dudenjahrgang 2007 dann auch tatsächlich wieder im Mund führen wollen.

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