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Europäische Schriftsteller : Das Schlimmste wäre es, sich jetzt zu verstecken

Die syrische Schriftstellerin Kefah Ali Deeb Bild: Lena Kern

In der nächsten Woche beginnt die Europäische Schriftstellerkonferenz. Ein Vorgespräch mit Frank-Walter Steinmeier und zwei Schriftstellerinnen über Europas Pflichten, Fallstricke der Sprache und Syriens Hoffnung.

          Herr Steinmeier, geradeheraus gefragt: Was ist an einer europäischen Schriftstellerkonferenz wichtig?

          Frank-Walter Steinmeier: Die Fliehkräfte in Europa sind größer geworden. Die Finanzkrise, die Abstimmung in Großbritannien über das Ausscheiden aus der EU, der antieuropäische Rechtspopulismus, die Annexion der Krim, die Krise in der Ostukraine – sie fordern alle Kräfte, auch die intellektuellen. Wir müssen uns deshalb aufs Neue mit der Frage beschäftigen, wofür Europa steht. Auch im Verhältnis zu unseren Nachbarn im Krisenbogen des Nahen Ostens. Ein fünfjähriger Krieg in Syrien mit dreihunderttausend Toten und zwölf Millionen Heimatlosen – das geht uns alle an. Unser Kontinent trägt den Namen einer phönizischen Königstochter aus Sidon, im heutigen Libanon – das ist mehr als nur eine symbolische Verbindung. Europa ist keine Insel, sondern unser Schicksal ist mit dem unserer Nachbarn untrennbar verwoben.

          Antje Rávic Strubel: Als Schriftstellerin muss ich mich nicht in jede politische Debatte einmischen. Aber im Moment habe ich das Gefühl, ich kann mir den Luxus der Zurückhaltung nicht mehr leisten. Ich bin in einem Land groß geworden, dass Leute hinter einer Mauer eingesperrt hat. Jetzt werden unter dem Deckmantel überholt geglaubter nationalstaatlicher Interessen Mauern gebaut, um Menschen auszusperren. Innerhalb Europas! Gleichzeitig verhärten sich Sprache und Denken, rechtsextremistische Ansichten werden mitten in der Gesellschaft laut, noch dazu gegenüber Menschen, die einem Krieg entkommen sind. Das ist unerträglich.

          Woher kommt die Unruhe in Europa, woher die Attraktion rechter Parteien? An der Wirtschaftslage können solche Radikalisierungen in Ländern wie Österreich, der Niederlande, Dänemark oder Deutschland ja derzeit kaum liegen.

          Strubel: Ignoranz? Unsicherheit? Unwissen? Es fängt schon bei der Sprache an. Wir reden oft verkehrt. So werten wir die Schlächter des IS auf, indem wir sie mit der Bezeichnung Kämpfer legitimieren, und Menschen ab, die vor ihnen fliehen, indem wir von Flüchtlingen sprechen.

          Sie finden schon das Wort „Flüchtling“ irreführend?

          Strubel: Es reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an. Es gibt keine Identifikation mit dem Leid und keinen Respekt vor der Lebensgeschichte der anderen. Da, wo die politische und mediale Sprache im Vagen bleiben, können Autoren konkret werden, die Vielschichtigkeit eines Lebens veranschaulichen.

          Frank-Walter Steinmeier

          Steinmeier: In der Politik machen wir eine ähnliche Erfahrung. Wir reden über Migration, über Konfliktlösungsmodelle, wir haben es mit ungeheurer Komplexität zu tun, die sich in langen Zeiträumen entfaltet. Demgegenüber gibt es das Bedürfnis nach einfachen Antworten. Das erkennen wir an, aber wir sollten uns davon nicht treiben lassen und „einfach“ mit „schnell“ verwechseln. Über die sozialen Medien verbreiten sich Nachrichten rasend schnell – unbestreitbar ein Vorteil in der heutigen Welt. Aber mit derselben Geschwindigkeit befördern soziale Medien eben auch Gerüchte und Halbwahrheiten. Was wir dringend brauchen, ist die Bereitschaft zu genauer Lektüre, zur Analyse.

          Kefah Ali Deeb: Dass Europa den Namen der Tochter eines Königs aus Sidon trägt, ist wichtig. Ich glaube, dass wir Syrer die Werte teilen, an die Europäer glauben. Es wird oft anders dargestellt, aber gerade in Syrien ist die Ansicht verbreitet, dass die Gesellschaft sich an Europa orientieren sollte, nicht an Amerika oder Russland. Darum war auch die Erwartung der Opposition gegen Assad an europäische Unterstützung so hoch. Jetzt reden alle nur noch von Flüchtlingen und nicht vom demokratischen Wandel in Syrien, obwohl die Lösung des Flüchtlingsproblems in Syrien liegt und nicht in Europa. Und das Flüchtlingsproblem muss gelöst werden, weil davon auch die Zukunft Europas abhängt. Denn natürlich führen die Flüchtlinge, wenn noch mehr kommen, hier zu einem demographischen Wandel, natürlich bringen sie eine andere Kultur mit.

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