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Europa-Polemik zum Sonning-Preis : Wehrt euch gegen die Bananenbürokratie!

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Hans Magnus Enzensberger, gestern Abend bei seiner Europa-Rede in Kopenhagen. Bild: AP

Käse, Kondome, Kruzifixe - es gibt nichts, was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. Was die einzelnen Länder unverwechselbar macht, geht verloren. Und damit auch der Glaube an den Sinn von Europa. Der Dichter Hans Magnus Enzensberger möchte das geändert wissen.

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          Gute Nachrichten sind selten; deshalb empfiehlt es sich, mit ihnen anzufangen, auch wenn jeder tüchtige Reporter natürlich die schlechten bevorzugt. Meine Lobrede auf die Europäische Union ist kurz. In der Geschichte unseres Erdteils gibt es nur wenige Jahrzehnte, in denen der Friede geherrscht hat. Zwischen den Staaten, die diesem Bund angehören, ist es seit 1945 zu keinem einzigen bewaffneten Konflikt mehr gekommen. Das ist eine Anomalie, auf die Europa stolz sein kann.

          Auch über eine Reihe von anderen Annehmlichkeiten können wir uns freuen. Sie sind inzwischen so selbstverständlich geworden, dass sie uns kaum noch auffallen. Ich bin aber alt genug, um mich daran zu erinnern, wie mühsam es nach dem Zweiten Weltkrieg war, ein benachbartes Land zu betreten. Ohne einen langwierigen bürokratischen Kampf war an eine Auslandsreise nicht zu denken. Wollte man ein Buch aus dem Ausland beziehen, so war dazu eine umständliche Prozedur beim Hauptzollamt nötig. Erwartete man eine Überweisung aus Frankreich oder wollte man eine Rechnung aus Spanien bezahlen, so kam das einem Hoheitsakt gleich, der durch mehrere Stempel vollzogen werden musste.

          Kurzum, der Prozess der europäischen Einigung hat unseren Alltag zum Besseren verändert. Ökonomisch war er derart erfolgreich, dass heute alle möglichen und unmöglichen Beitrittskandidaten am Einlass zu diesem Club Schlange stehen. Auch muss man es unseren Brüsseler Beschützern danken, dass sie immer wieder wacker vorgegangen sind gegen Kartelle, Monopole und unerlaubte Subventionen. Zu diesen schönen Resultaten braucht man ihnen allerdings nicht unbedingt zu gratulieren, denn das besorgen sie selber.

          Hans Magnus Enzensberger bei der Entgegennahme des Sonning-Preises. Überreicht wurde er ihm von Ralf Hemmingsen, dem Kanzler der Kopenhagener Universität. Dotiert ist er mit 135 000 Euro.

          Das demokratische Defizit

          Leider gibt es allerhand Störenfriede, die an diesem Einigungswerk manches auszusetzen haben. Die Zahl dieser Spielverderber dürfte bei etwa vierhundertfünfundneunzig Millionen liegen. So viele Einwohner hat die Union. Unsere Brüsseler Stellvertreter sind unbeliebt. Vom Ministerrat bis zur Kommission, vom Europäischen Gerichtshof bis zum allerletzten Referenten der Besoldungsgruppe AST 1 lässt ihr Ansehen zu wünschen übrig. Aber woher mag dieser Undank rühren? Woher kommt dieser Widerwillen? Warum nur tun die meisten Mitbewohner des Kontinents alles, um ihren Treuhändern das Leben schwerzumachen? Verwundert fasst man sich in Brüssel an den Kopf und findet keine Antwort. Ich denke, dass in einer solchen Lage ein Erklärungsversuch nicht schaden kann.

          Es ginge ja noch an, wenn es nur die ewigen Nörgler wären, die den vierzigtausend Beamten in ihren Glashäusern die Gehälter missgönnen, mit denen wir sie verwöhnen. Angeblich sind sie doppelt so hoch wie das, was vergleichbaren Beschäftigten in Dänemark oder Deutschland zusteht, ganz abgesehen von ihren steuerfreien Zulagen, ihren Extrapauschalen und ihren Privilegien, zu denen das Recht gehört, mit 55 Jahren in den Vorruhestand zu gehen. Von einem Insider aus der Kommission war zu hören, es gehe ihnen so gut, dass man sie schon „mit Waffengewalt dazu zwingen müsste, aus Brüssel wegzuziehen“. Aber welcher Wohlmeinende wollte sich mit derart kleinkarierten Einwänden aufhalten, wo es doch um Größeres geht?

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