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Kolumne „Esspapier“ : Unsere populistischen Fernsehköche

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Tim Mälzer gibt gerne den bescheidenen Koch, der die Leute einfach nur mit gutem, preiswertem Essen verwöhnen will. Mit diesem Buch versucht er allerdings, sein bescheidenes Kochtalent mit dem des ersten deutschen Drei Sterne-Kochs zu verbinden.

          Der Kochpopulist Tim Mälzer mit der Kochlegende Eckart Witzigmann in einem gemeinsamen Buch? Die Herausgeber haben natürlich gewusst, dass diese Frage unausweichlich kommt und zumindest ein vordergründiges Interesse provoziert. Wenn man die Zusammenhänge betrachtet, wird man schon ahnen, dass das Ergebnis dieser „Kooperation“ nur Durchschnitt sein kann. Vielleicht ist das Buch auch gar nicht so sehr für den Leser bestimmt, sondern vor allem für Tim Mälzer wichtig.

          Die meisten unserer prominenten Fernsehköche haben eine unangenehme Eigenschaft. Sie wollen immer größer werden, sich multimedial und weltweit ausbreiten und scheuen dabei auch vor Merkwürdigkeiten nicht zurück. Wie zum Beispiel Alfons Schuhbeck, der sich als Gewürzpapst feiern lässt, der er nicht ist. Der deutsche Gewürzpapst heißt Ingo Holland vom „Alten Gewürzamt“ in Klingenberg, ein ehemaliger Spitzenkoch. Das weiß jeder Spezialist im Gewerbe, aber nicht unbedingt die breite Öffentlichkeit. Also kann man getrost etwas anderes behaupten und kommt über die Macht der massenmedialen Verbreitung damit vielleicht sogar durch.

          Kulinarisch weitgehend uninspiriert

          Dem Wunsch nach Weltherrschaft der TV-Köche steht allerdings entgegen, dass in der echten Welt des richtigen Kochens eine große Anzahl besserer Köche existiert. Und dieses Missverhältnis scheint sie zu wurmen. Tim Mälzer gibt gerne den bescheidenen Koch, der in seiner „Bullerei“ in Hamburg die Leute einfach nur mit „gutem, preiswertem Essen“ verwöhnen will. Dieses Buch versucht nun, den Namen des bescheidenen Kochtalents Tim Mälzer mit dem des ersten deutschen Drei Sterne-Kochs Eckart Witzigmann zu verbinden. Die Herausgeber des Buches benutzen für diesen merkwürdigen Gleichstellungsversuch einen interessanten Trick. Es wird nicht immer präzise angegeben, welches Rezept nun von wem ist. So soll der Eindruck entstehen, Mälzer und Witzigmann kochten, um in Politikersprache zu reden, „auf Augenhöhe“. Dazu passt dann auch ein Zitat von Witzigmann: „Ich habe den Tim ganz anders eingeschätzt, als er eigentlich ist.“ Oder eines von Mälzer: „Von den Ansichten her sind wir echt auf einer Wellenlänge.“

          Dazu ein paar Anmerkungen. Die Rezepte in diesem Buch, wie die „Zucchinicremesuppe mit Birne und Gorgonzola“, das „Gazpacho Andaluz“ oder das „Bologneser Ragout mit Papardelle“, sind quasi durchgehend Mainstream und finden sich in ähnlicher Form seit Jahren in allen möglichen Kochbüchern vorwiegend von Köchen, die als Medienstars aufgebaut werden sollen. Das Buch ist also kulinarisch weitgehend uninspiriert und eher überflüssig. Rückfrage: Und das, obwohl Eckart Witzigmann beteiligt ist? Ja. Eckart Witzigmann beteiligt sich seit Jahren an allen möglichen Projekten und verfügt über unterschiedliche kulinarische Schubladen. Er kann relativ einfach kochen, und er kann auch - was er leider nur noch sporadisch tut - einmal wieder richtig zulangen und seine international nach wie vor beachtliche Kochtechnik demonstrieren. Rezepte dieser Art würden in dieses Buch aber kaum hineinpassen.

          Ja nicht zu schwierig oder zu modern

          Wieviel Witzigmann hier nun drin ist, muss man also vorsichtig taxieren. Aber darauf kommt es ja auch kaum an. Hauptsache, sein Name steht auf dem Cover und der Name Mälzer gleich daneben. Im Detail erwarten den Leser keine Wunderdinge. Die eindeutig zuzuordnenden Rezepte von Witzigmann, wie etwa seine Version eines „Russischen Salats“, sind oft sensorisch vielfältiger angelegt, die von Mälzer meist etwas gröber (wie zum Beispiel seine „Linsensuppe mit kross gebratener Chorizo“). Wie üblich sind viele Angaben unpräzise. Geradezu bizarr ist die Anweisung, man solle das „Karree vom Jungschwein“ „1-2 Stunden“ schmoren. Ob man Steinpilze wirklich in 10 Gramm Butter braten sollte, „bis die austretende Flüssigkeit verdampft ist“, ist doch sehr die Frage, ganz abgesehen davon, dass bei diesem Rezept in einer wirklich bedauerlichen Weise wunderbar kleine, komplette Steinpilze zu einer groben, gratinierten Kruste für ein Rinderfilet verarbeitet werden.

          Auch auf das ewige Gerede davon, dass bei einem Huhn die Keulen besser seien als die Brust, könnte man angesichts der vielen hochfeinen Rezepte der klassischen Küche für die Brust mittlerweile glatt einmal verzichten. Hier wird viel kulinarische Politik gemacht. Man gibt vor, es gehe nur um das Kochen. Dann kommen Sätze von Mälzer wie: „Das ist das geilste Kochen der Welt! Mehr geht doch nicht: Freiheit, Freizeit…“. Kaum jemand ist von kulinarischer Freiheit so weit entfernt wie unsere populistischen Fernsehköche, die immer darauf achten müssen, dass es ja nicht zu schwierig oder zu modern wird. Eigentlich müsste Eckart Witzigmann sagen, dass die Voraussetzungen für gutes Kochen Konzentration und die Realisierung von Finesse sind. Und das im ganzen Denken, in der sauberen, handwerklichen Arbeit und im präzisen und konsequenten Umgang mit den kostbaren Produkten. Dann dürfte er sich allerdings nicht in einer solchen Art und Weise instrumentalisieren lassen.

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