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Kolumne „Esspapier“ : Kein Land in Sicht

  • -Aktualisiert am

Bild: Gruner + Jahr

Die Zeitschrift „Essen & Trinken“ hat ein Sonderheft mit dem Titel „Die besten Rezepte vom Land“ veröffentlicht. Doch das Land, das hier und in vielen Rezepten anderen der neuen Land-Welle vorgegeben wird, existiert überhaupt nicht.

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          Die Land-Plage ist da. Nach dem jedes Maß sprengenden Erfolg der Zeitschrift „LandLust“ gibt es eine Welle von Nachfolgeprodukten auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt, wie zum Beispiel die Hefte „Liebes Land“, „Mein schönes Land“ oder „Land-Idee“. Und immer wenn man meint, jetzt sei in dieser Richtung nichts mehr möglich, sattelt noch ein Verlag obendrauf. Mittlerweile fragt man sich schon, welche Wortverbindungen mit „Land“ überhaupt noch möglich sind und schmunzelt über Witzchen wie die Titelphantasie „Land-Schwein - das neue Männermagazin“. Ein weiterer Nachzügler und in gewisser Weise ein besonders typischer Fall ist ein Sonderheft der Zeitschrift „Essen & Trinken“ mit dem Titel „Die besten Rezepte vom Land“.

          Das Spektrum der Texte markieren Überschriften wie „Rustikal & raffiniert“, „Regionale Küchenschätze“, „Das Paradies muss eine Apfelwiese sein“, „Zurück zu den Wurzeln“, „Hier reift Ruhe zu Geschmack“ oder „Früchte, die nach Heimat schmecken“. Für den anspruchsvolleren Touch stehen eingestreute Texte von Ulrich Wickert, Wladimir Kaminer und Lale Akgün, wobei Wickert mit der Darlegung seiner profunden Frankreich-Erfahrungen unter dem Titel „Vieles schmeckt am besten da, wo es entsteht“ offensichtlich etwas anderes meint, als der Inhalt des Heftes darstellt.

          Gekünstelte Natürlichkeit

          Ein paar Anmerkungen zum Heft und zur Grundproblematik. Es ist schon fast bizarr, dass die Protagonisten der neuen Landküche die gleichen sind, die lange Jahre lang auch noch der letzten italienischen Osteria seitenlange Geschichten gewidmet haben. Die deutsche Regionalküche war für die Vertreter dieses kulinarischen Etepetetismus meist „igitt“, zu deutschtümelnd und bestenfalls als Folklore erträglich - einmal im Jahr auf dem Münchner Oktoberfest. Falls man sich dann doch einmal genötigt sah, irgendwie zu reagieren, produzierte man Gourmetkitsch, wie ihn in den achtziger Jahren die Welle „Kochen wie Gott in Deutschland“ hervorgebracht hatte. Mit probaten Mittelchen der französischen Haute Cuisine wird das Regionale verdünnt: In diesem Stil haben viele Medien sporadisch ein Engagement für die deutsche Regionalküche fingiert. Ein Beispiel aus dem Heft: der „Heidschnuckenrücken mit Wacholderkruste und Buchweizenschmarren“, eine typische Spitzenküchen-Ableitung mit ausgelöstem Rücken ohne jede Fettspur, die keinerlei Ähnlichkeit mit Technik, Produktbehandlung und Ästhetik einer regionalen Küche hat.

          Das Land, das in vielen Rezepten der neuen Land-Welle vorgegeben wird, existiert nicht. Man hat vielmehr eine Art kulinarisch-ländlichen Stil gefunden, also Rezepturen, die irgendwie ein ländliches Ambiente signalisieren. Tatsächlich ähnelt die Ästhetik dieser Form des Ländlichen dem Warenangebot in Dekorationsgeschäften mit Waren im „ländlichen Stil“. Nichts in diesen Läden ist echt, alles ist nachgeahmt, künstlich gealtert, mit angemalten oder eingeritzten Gebrauchsspuren versehen. Gerne greifen denn auch die Fotografen des ländlich-kulinarischen Stils auf solche Utensilien zurück. Ein Beispiel aus dem Heft: „Kalbssteak mit geschmorten Birnen, Roquefort und Salbei“ unter der Überschrift „Früchte, die nach Heimat schmecken“.

          Eine minimale Chance

          Diese Welle ist nicht modern, sondern ein Dokument der Rückständigkeit. Die jahrzehntelange Missachtung der deutschen Regionalküche auf quasi allen Seiten hat dazu geführt, dass die kulinarischen Blätter durch die Welt ziehen und die Schätze vor der Haustür aber verrotten lassen, während die Meisterköche „französische Küche mit mediterranen und asiatischen Elementen“ anbieten. Das einzig Gute an der Land-Welle ist, dass eine minimale Chance besteht, ein wenig Zusammenhang und Identität herzustellen. Da das Thema aber in der Regel wieder oberflächlich und ohne Konzept „mitgenommen“ wird, droht Überreizung und Gegenbewegung, bevor substantiell Gutes erreicht ist.

          Man wird den Verdacht nicht los, dass die Land-Welle nur wieder ein neuer Versuch der Redundanzesser ist, ihre Präferenzen in einem günstigeren Licht darzustellen. Das gute alte Lieblingsessen wird hochgezogen, und es hat noch nicht einmal den Geruch von bayerischen Brauhäusern. Wenn man nicht partout synchron mit dem standardisierten Geschmack leben will, kann man natürlich auch versuchen, die Zeit umzustellen.

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