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Kolumne „Esspapier“ : Gut gewürzte Langeweile

  • -Aktualisiert am

Was hat der kochende Fernsehmoderator Rainer Sass da im Koffer? Lauter alte Rezepte. Bild: dpa

Warum lässt man Rainer Sass kulinarisch auf die Menschheit los? Weil er ein bekannter Fernseh-Moderator ist. Mehr lässt sich zu seinen durch und durch unoriginellen und altmodischen Rezepten leider nicht sagen.

          Ab und zu muss man einmal daran erinnern, dass gerade bei den kulinarischen Büchern die Veröffentlichungen oft keine inhaltlichen Gründe mehr haben. Die Bücher werden zum reinen Objekt der Vermarktung von mehr oder weniger prominenten TV-Kochenden, also zu einem Teil des Merchandising degradiert, wie es bedruckte T-Shirts sind. Die Erwartungen der Verlage sind dann auch primär an die Auswirkungen des Bekanntheitsgrades gekoppelt und weniger daran, dass das Werk inhaltlich überzeugt. So wird weder dem Inhalt noch der Aufmachung eine größere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Machart der rein kommerziellen Kochbücher ist in der Regel schlicht bis sehr schlicht. Wenn die Zahl der Käufer einer solchen Massenware ins Gigantische geht, aber nur vergleichsweise wenige Leser je ein gut gemachtes Kochbuch in die Hand nehmen, gibt es negative Verschiebungen des Qualitätsbegriffes. Das ist dann wie bei den Discountern: Irgendwann hat sich der Konsument so sehr an die minderwertige Massenware gewöhnt, dass er sie besser findet, als hochwertige Produkte.

          Rainer Sass ist Versicherungskaufmann und Hobbykoch und seit vielen Jahren ein kulinarischer Protagonist des NDR-Fernsehens. Sein - sagen wir: - straßentauglicher, oft überdrehter Sprach- und Moderationsstil hat ihn zu einer eher umstrittenen Figur gemacht. Sein neuestes Buch enthält die „besten Rezepte aus der TV-Serie ,Wünsch Dir Sass !'“, die Sendungen wie „DAS!schmeckt“ oder der „Rainer Sass Kochshow“ gefolgt ist. Das Buch gibt ein Rätsel auf: Wer will eigentlich diese durch und durch unoriginellen, sehr altmodischen, langweiligen und nicht selten auch noch technisch problematischen Rezepte haben?

          Aus der Salz- und Pfefferküche

          Sass zeigt sich als Vertreter einer Hausmannsküche, die mit einem Verzug von vielen Jahren jetzt endlich da angekommen ist, wo die ehemals Hausfrauen genannten Privatköchinnen schon lange nicht mehr arbeiten. Manche Abbildungen, wie die des lieblos auf dem Teller verstreuten „Gebratenen Gemüses“ oder der „Grünkohlsuppe mit frittierten Kartoffeln“, sehen aus, als wolle jemand das ganze Elend der häuslichen Küche in Bild und Text fassen. Apropos „frittierte Kartoffeln“. Ohne Angabe einer Frittiertemperatur soll der Leser also feine Kartoffelstreifen in „Öl goldbraun frittieren und auf Küchenpapier abtropfen lassen“. Das Bild zeigt fettig-überröstete Streifen, die alles haben, nur nicht die milde Präsenz von „goldbraun gerösteten“ Kartoffelstreifen.

          Im Detail fällt zudem auf, dass diese Küche zu der ganz alten Salz- und Pfeffer-Schule gehört, die jedes Produkt ohne Sinn und Verstand mit Salz und Pfeffer berieselt. Welche Auswirkungen Salzen und Pfeffern zum Beispiel vor dem Garen eines Kalbsschnitzels haben (Wasserentzug und die Entwicklung bitterer Röstnoten beim Pfeffer), scheint vollständig unbekannt zu sein. Auch sonst sucht Sass sein Heil - ein typisches Merkmal schlechter Rezeptkonzepte - in viel Würze, wobei Knoblauch, Cayennepfeffer und Ingwer häufig eine tragende Rolle spielen. Ein irgendwie gearteter Zugewinn gegenüber Dutzenden oder Hunderten von existierenden Kochbüchern ähnlicher Machart ist buchstäblich an keiner Stelle des Bandes zu erkennen.

          Dass Sass auch einmal bei dem ein oder anderen Spitzenkoch hospitiert oder einen Kurs besucht hat, ist an seinem Geschmacksbild nicht zu erkennen. Es wirkt eher wie ein Echo problematischer Laien-Vorlieben als wie ein solide strukturiertes, ausbaufähiges System. „Hähnchen in Estragonsauce mit gefüllten Tomaten“ gibt es da, „Curry Huhn mit Ananas“, „Rahmschnitzel mit Broccoli und Champignons“, „Kürbissuppe mit Lachstatar“ und natürlich all das, was man heutzutage an jeder Ecke bekommt, von Pasta über Vitello Tonnato bis zur Dorade in der Folie. Kulinarisch bleibt einfach unklar, warum man Rainer Sass auf die Menschheit loslässt.

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