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Kochbuchkolumne „Esspapier“ : Bloß kein Wiener Schnitzel!

  • -Aktualisiert am

Bild: Zabert Sandmann

Nelson Müller kocht im Fernsehen und in seinem eigenen Restaurant „Die Schote“. Bleibt zu hoffen, dass die Gerichte dort besser sind als das, was er in seinem neuen Kochbuch präsentiert.

          Der in Ghana geborene und bei einer deutschen Pflegefamilie aufgewachsene Nelson Müller gehört heute zu den populärsten deutschen Fernsehköchen. Dazu beigetragen hat neben Sendungen wie der „Küchenschlacht“ und der Sendung, in der Lanz nicht kocht („Lanz kocht“, ZDF), auch die Tatsache, dass er als Rhythm&Blues-Musiker und durch seine sympathisch-lockere Art optimal in das kommerziell nutzbare Bild vom kochenden Entertainer passt. Für die Arbeit in seinem kleinen Essener Restaurant „Die Schote“ hat er übrigens kürzlich einen Michelin-Stern erhalten. Das Essen dort unterscheidet sich natürlich deutlich von dem in seinen Fernseh-Sendungen. Es ist handwerklich gut, hat aber noch nicht sehr viel eigenes Profil.

          Vermutlich ist Müller in der Zwickmühle vieler Fernseh-Köche, die kulinarische Ambitionen haben. Mit dem Restaurant Geld zu verdienen, ist immer etwas schwierig, und da kommen die Einnahmen aus den medialen Auftritten sehr gelegen. Das haben mir eine ganze Reihe von Köchen bestätigt. Die Frage ist dann, wie weit man sich verkaufen will. Bei diesem Buch jedenfalls hat sich Müller in ein Konzept gefügt, das einerseits den ganz großen Image-Rundumschlag versucht, andererseits kaum kulinarische Substanz zu bieten hat. Die Kapitel lauten: „Meine Geschichte“, „Meine Kindheit – Erinnerung“, „Meine Heimat – Fernweh“, „Meine Liebe – Sehnsucht“, „Meine Partys, meine Bühne – Soul“, „Meine Wanderjahre – Reisefieber“ und „Mein Restaurant ‚Die Schote’ – Passion“. Das Verhältnis zwischen Realität und Buchkonzept wird dabei bisweilen völlig verdreht.

          Geradezu bizarr neben der Spur

          In seiner „Geschichte“ zu Beginn (Untertitel „Eine Kindheit im Schlaraffenland zwischen Tante Hildes Käsekuchen und Omas roter Grütze“) heißt es: „An typisch afrikanische Gerichte kann ich mich aus eigener Erfahrung nicht wirklich erinnern, sie basieren mehr auf Erzählungen meiner afrikanischen Eltern und Großeltern“. Das hält ihn natürlich nicht davon ab, sich an entsprechend inspirierten Dingen wie den „Gambas mit Mango-Kokos-Risotto und Currysauce“ zu versuchen, einem klischeehaften Mainstream-Gericht, das sich so oder ähnlich landauf landab finden lässt. Tatsächlich bedient sich Müller in weiten Teilen seines Buches ziemlich bekannter Gerichte – um es einmal milde zu formulieren.

          Auch das klingt zu Beginn des Buches anders, wo er von seinen Gerichten als „modernen Kreationen“ redet oder davon, dass er beim Kochen seine Kreativität ausleben könne. Es fällt schwer, dem angesichts von „Hummerbisque mit gegrillter Wassermelone und Hummerklößchen“, dem „kross gebratenen Wolfsbarsch mit Linsen, Artischocken und Salbei“ oder dem „Rehrücken mit karamellisiertem Rotkraut und Quittenkompott“ zu folgen. Auch in kochtechnischen Details wird nicht klar, wo denn nun eigentlich die Notwendigkeit dieses Buches liegen könnte. Im Gegenteil: Es zeugt fast schon von Zynismus, dass sich Müller tatsächlich noch einmal über das Wiener Schnitzel oder die Schwäbischen Maultaschen hermacht ohne auch nur einen Funken individueller Erkenntnis einzubringen. Da gibt es nun wirklich regionale Spezialisten in Hülle und Fülle, die das besser können.

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