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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Ein herausragender Roman kann verlangen, dass man seine wildesten Entwicklungen als real betrachtet, wie fremd sie einem sein mögen. Er kann einen auch zwingen, das radikal Andere zu akzeptieren, das sich im scheinbar Vertrauten versteckt. Deshalb ist George Saunders für den begabten Leser ein ebenso großer Realist wie Tolstoi, Henry James ein ebenso großer Experimentalist wie George Perec. Gute Autoren beschreiben das Verhältnis zwischen der Welt und dem Ich, und die Macht der Literatur gründet gerade in der Tatsache, dass dieses Verhältnis bei jedem Menschen anders aussieht.

Schriftsteller enttäuschen, wenn sie auf unsere Bedürfnisse Rücksicht nehmen, sich auf Allgemeinheiten beschränken, eine Welt zeigen, die wir aus dem Fernsehen kennen. Schlechte Literatur bewirkt nichts, verändert nichts, erzieht keine Gefühle, gibt unserer Wahrnehmung keine neuen Anstöße - wir beenden die Lektüre mit dem gleichen metaphysischen Vertrauen in die Allgemeingültigkeit unserer Weltsicht, das wir zu Beginn der Lektüre hatten.

Große Literatur dagegen zwingt uns, ihre Visionen anzunehmen. Am Vormittag lesen wir Tschechow, und am Nachmittag hat sich die Welt in eine Tschechow-Welt verwandelt: die Kellnerin im Café tut etwas Überraschendes, der Hund tanzt auf der Straße.

9. Der Traum vom perfekten Roman treibt Schriftsteller in den Wahnsinn

Schriftsteller träumen vom perfekten Roman. Es ist ein Traum, der sie verfolgt, ein Traum, der nur für Chaos und Elend sorgt. Der Traum vom perfekten Roman ist im Grunde der Traum von der vollkommenen Offenbarung des Ich. In Amerika, wo das Ich umstandslos in der Gesellschaft aufgeht, heißt der Traum vom perfekten Roman „The Great American Novel“, der die Offenbarung der Seele einer ganzen Nation fordert, nicht bloß des Einzelnen. Dennoch dürfte es das gleiche Prinzip sein: Auch auf der anderen Seite des Atlantiks träumen wir von einem Roman, der auf perfekte Weise die Wahrheit des Erfahrenen erzählt. Doch das ist unmöglich, man sieht immer nur Teile des Ganzen, und selbst diese Teilansicht ist nur unter großen Anstrengungen zu erreichen.

Dass es so schwer ist, mehr als eine Handvoll herausragender Romane zu nennen, hat damit zu tun, dass die bereits erwähnte Pflicht - nämlich die Wahrheit der eigenen Wahrnehmung möglichst genau zu vermitteln - eine sehr anspruchsvolle ist. Wenn alle dreißig Jahre die Klage zu hören ist, dass nur wenige erstklassige Romane veröffentlicht werden, dann deswegen, weil es nur sehr wenige gab. Geniale Schriftsteller sind äußerst selten. Um die Wahrheit der eigenen Wahrnehmung zu erzählen, braucht es - angesichts der Mediendominanz, angesichts des ambivalenten Charakters von Sprache, angesichts der Unschärfe des betrügerischen, betrogenen Ichs - tatsächlich ein Genie; braucht es ästhetische und ethische Integrität, die einem bei dem bloßen Gedanken die Tränen in die Augen treibt.

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