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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Ich persönlich habe nichts gegen Bücher, die unterhalten und gefallen, die klar und interessant und intelligent sind, geschmackvoll und nicht gewollt unklar - aber all diese Qualitäten sind keine wesentlichen Merkmale dessen, was Literatur im Kern ausmacht, und wo sie fehlen, schließt das keineswegs aus, dass der Roman, den ich gerade lese, die einzige literarische Pflicht erfüllt, an der mir liegt. Denn aus meiner Sicht haben Schriftsteller nur eine Pflicht: ihr Verhältnis zur Welt möglichst genau auszudrücken. Verzeihen Sie, wenn das schwammig und unpräzise klingt. Schreiben ist keine Wissenschaft, aber es sind die einzigen Begriffe, mit denen ich beschreiben kann, was ich immer wieder in meiner Arbeit anstrebe (ohne es zu erreichen).
Wenn ich schreibe, versuche ich, mein Dasein in der Welt auszudrücken. Dies ist in erster Linie ein Verdichtungsprozess. Wenn alle leblosen Ausdrücke gestrichen sind, die übernommenen Lehrmeinungen, anderer Leute Wahrheiten, all die Parolen und Motti, die großen Lügen des eigenen Landes, die Mythen der historischen Situation, in der man sich befindet; wenn alles gestrichen ist, was die Erfahrung in eine Form zwingt, die man nicht akzeptiert und an die man nicht glaubt - dann bleibt am Ende etwas übrig, was der Wahrheit der eigenen Wahrnehmung nahe kommt. Genau das suche ich in der Literatur: Die Wahrheit eines Menschen, soweit sie sich durch Sprache vermitteln lässt.

Richtig umgesetzt, führt diese Pflicht zu komplexen, unterschiedlichen Ergebnissen. Das heißt nicht, dass ich nach Autobiographen rufe, wenngleich viele Schriftsteller den Wunsch des Lesers nach persönlicher Wahrheit fälschlicherweise als Aufforderung betrachten, einen Essay, einen Vortrag oder einen Roman zu schreiben, dessen Hauptfigur sie selbst sind. Schriftstellerische Wahrheit ist eine Frage der Perspektive, hat nichts mit Autobiographie zu tun. Es ist das, was man sagen muss, wenn man gut schreibt. Es ist das Wasserzeichen des Ich, das in allem Geschriebenen durchscheint. Es ist Sprache als Ausdruck von Bewusstsein.

8. Wir wollen unverwechselbar sein

Jeder große Roman deutet etwas Metaphysisches an, das einem verborgen bleibt, wie lange man auch lebt, wie viele Menschen man auch liebt - die Welterfahrung eines anderen Menschen. Und mir ist es egal, ob dieser andere Mensch seine Zeit in Wohnzimmern oder Internetforen verbringt; ob eine Pizza seine Heldin ist oder eine reizende Bürgerstochter. Mir ist es egal, ob er auf die Verwendung des Buchstabens „e“ verzichtet oder fünf Kontinente bereist und zweitausend Seiten schreibt.

Was große Romane verbindet, ist die besondere Art, in der sie Erfahrung artikulieren und uns zwingen, aufmerksam zu sein, die Art, wie sie uns aus der Selbstverständlichkeit unseres Lebens reißen. Das Schöne an der Literatur ist die Vielfältigkeit dieses Prozesses: Austen macht in anderer Weise und auf anderes aufmerksam als Wharton, der Traum, aus dem Philip Roth uns reißen will, geht noch immer als Schlaf durch, wenn Pynchon der Traumfänger ist.

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