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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Diese Thesen wirken selbst so unpersönlich, so distanziert, dass man leicht vergisst, dass junge Schriftsteller das Bett selbst machen, in dem sie liegen wollen. Und angesichts der Unordnung in seinem Privatleben und seiner Abscheu vor Neugier hatte Eliot ein Interesse daran, das Persönliche von der Dichtung zu trennen. Seine Sprache verrät, wie wichtig ihm seine Privatsphäre war. Eliots Vorstellung, Persönlichkeit reduziere sich auf die biographischen Fakten, greift viel zu kurz. Persönlichkeit ist viel mehr als die Summe autobiographischer Details. Es ist die Art, wie wir uns in der Welt bewegen, und das lässt sich nicht von unserem Handeln isolieren. Es ist die Art, wie wir tätig sind.

Eliot mag als Autor, oberflächlich gesehen, strikt unpersönlich gewesen sein (wenn man darunter versteht, dass er keine privaten Dinge preisgab, wie etwa die heikle Tatsache, dass er seine Frau in eine psychiatrische Anstalt einwies), aber sein Werk ist auf beispiellose Weise geprägt von seinem Charakter, seinen Ansichten über den Zustand der Welt. In eben jenem Element, das er als Grund seiner Zurückhaltung bezeichnet, in der Tradition, drückt sich die Persönlichkeit des Schriftstellers aus. Wie er sich innerhalb einer Tradition entscheidet - für Milton, gegen Molière, für Barth, gegen Barthelme - das gehört zu den persönlichsten Informationen, die wir über ihn gewinnen können.

Eliots Essay (mit seinem Versprechen, „an den Grenzen der Metaphysik oder des Mystizismus haltzumachen“) ist fraglos eine brillante Darstellung verantwortungsvoller Dichtung. Eliot umreißt, was man über ein Stück Literatur sagen kann, ohne sich Blößen zu geben. Literatur und Kritik sollten auf beinahe wissenschaftliche Weise betrieben werden. Eliot verglich den Schriftsteller mit einem Stück fein geädertem Platin, das in eine Kammer mit Sauerstoff und Schwefeldioxid eingeführt wird. Kritiker haben sich von diesem Bild inspirieren lassen. Sie stellen sich den Schriftsteller als Katalysator vor, der eine Tradition betritt, eine Transformation bewirkt und doch unsichtbar bleibt oder zumindest keine Spuren hinterlässt, mit denen sich der Kritiker auseinandersetzen müsste. Eliots Vergleich bot Kritikern die Freiheit, die unabhängigen, radikal kreativen, nicht-biographischen Kritiken zu schreiben, von denen sie immer geträumt hatten und die ihnen zustehen.
Für Schriftsteller ist Eliots Analogie jedoch unbrauchbar. Das Schreiben eines Romans ist keine objektive Wissenschaft, und der Autor muss nicht nur die Traditionen, sondern auch sein eigenes Ich begreifen und integrieren. Gewiss ist es wichtig, dass sich der Schriftsteller mit den Kulturen und Werken der Vergangenheit auseinandersetzt, aber er bewegt sich auch im Garten des Ich, und dieser Garten muss gehegt und gepflegt werden. Das Ich ist kein Stück Platin - es hinterlässt überall Spuren. Wenn Eliot darüber nicht reden wollte, heißt das noch lange nicht, dass es das Ich nicht gibt.

5. Selbstverrat

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