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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Was braucht man also, um gut zu schreiben? Welche persönlichen Eigenschaften sind nötig? Welche persönlichen Ressourcen gehen einem schlechten Schriftsteller ab? In den meisten Bereichen menschlichen Tuns ziehen wir diese Verbindung zwischen Persönlichkeit und Fähigkeit. Warum sprechen wir nie über diese Dinge, wenn von Büchern die Rede ist?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schriftsteller eine andere Sprache verwenden als Kritiker, wenn sie mit Kollegen darüber sprechen, was ihnen an ihren eigenen Werken nicht gefällt. Schriftsteller sagen nicht „Ich habe nicht gründlich genug recherchiert“ oder „Ich dachte, Casablanca liegt in Tunesien“ oder „Ich habe den Begriff Weiblichkeit konkretisiert“ - zumindest erscheinen ihnen solche Dinge nicht furchtbar wichtig. Ihnen geht es um die Frage, wie ihre Werke das Beste oder Schlechteste in ihnen herausbringen oder verraten.
Schriftsteller glauben, dass ästhetische Fehlentscheidungen oft eine ethische Dimension haben. Schriftsteller wissen, dass zwischen dem platonischen Ideal und dem fertigen Roman oft das vertrackte Ich steht - eitel, getäuscht, kurzsichtig, feige, kompromittiert. Deshalb ist Schreiben derjenige Beruf, der mehr fordert als handwerkliches Können. Handwerkliches Können allein macht keinen großen Roman. Junge Schriftsteller wie Clive verstehen das zuerst nicht. Ein guter Schreiner wird gute Möbelstücke machen, und ein guter Schuster wird Ihre Schuhe anständig reparieren, aber handwerklich gute Schriftsteller schreiben selten gute und fast nie große Bücher. Irgendwo spielt hier ein eigenwilliges Element mit - nennen wir es einfachheitshalber das Ich, in anderen Zeiten hätte es auch das Wort „Seele“ getan.

In Literaturdebatten scheuen wir uns, einen Zusammenhang zwischen dem Ich und dem Roman zu ziehen. Die Vorstellung, das Schreiben von Romanen könne auch eine Charakterfrage sein, ist uns unangenehm. Wir denken uns die Literatur als Spielplatz der Sprache, der unabhängig vom Autor existiert. Deshalb würde das Geständnis „Ich habe nicht die Wahrheit gesagt“ einem James Frey als Mangel angekreidet, während es bei John Updike überhaupt nichts bedeutet. Ich glaube, Schriftsteller wissen schon Bescheid. Auch wenn wir es nur selten aussprechen, wissen wir doch, dass unsere Romane nicht so losgelöst von uns sind, wie es sich die Leute gern vorstellen und wie wir gern vorgeben.

Diesen intimen Aspekt des literarischen Scheiterns finde ich sehr interessant. Die Momente, wo Schriftsteller ihren eigenen Ansprüchen nicht genügen - privat, schwer in Worte zu fassen, leicht zu verlachen, ganz und gar ungeeignet für Rezensionen oder Seminare, und trotzdem wahr.

3. Was Schriftsteller wissen

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