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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Wenn ein Kritiker hier eine Bequemlichkeit, dort eine etwas kitschige Passage bemängelt, dann erklärt Clive einfach, dass das beabsichtigt sei. Er habe eine bestimmte Wirkung erzielen wollen. Im Grunde macht ihm solche Kritik nichts aus: diese Einwände erscheinen ihm nebensächlich, verglichen mit seinem allerersten Eindruck, dass der Roman nicht nur nicht gut, sondern nicht wahr sei. Ein solches Verbrechen wirft ihm niemand vor.

Die Kritiker sprechen von Farbauftrag und Materialbehandlung, von einer schiefen Metapher, einem umständlichen Ausgang, und vom Vertrauen darauf, dass derlei Kleinigkeiten beim nächsten Mal nicht mehr vorkommen. Was Maria Gomez angeht, so finden alle, dass diese Figur tatsächlich dem Bild entspricht, das man sich von einer korrupten Wirtschaftsexpertin im engen Rock macht. Clive ist zufrieden und fühlt sich bestätigt. Er beschließt, einen zweiten Roman zu schreiben.

2. Ein Beruf, der mehr ist als Handwerk

Hier endet Clives Geschichte. Ich wollte mit ihr zeigen, dass irgendwo zwischen der notwendigen Oberflächlichkeit des Kritikers und der natürlichen Unehrlichkeit des Autors der wahre Maßstab für schriftstellerischen Erfolg oder Misserfolg verloren geht. Es ist sehr schwer, Schriftsteller dazu zu bekommen, ehrlich über ihre Arbeit zu sprechen, zumal auf einem Markt, auf dem sie nicht nur als Autoren, sondern auch als Verkäufer auftreten müssen. Es ist immer einfacher, abstrakt zu argumentieren. Zur Vorbereitung auf diesen Essay habe ich daher viele Schriftsteller (mit der Zusage, ihre Antworten anonym zu behandeln) gefragt, wie sie ihre eigenen Werke beurteilen. Ein Autor, ein analytischer und philosophischer Kopf, antwortete mit einer Reihe interessanter Fragen:

„Ich denke oft, dass es faszinierend wäre, lebende Schriftsteller zu fragen: ,Unabhängig von den Kritikern - wo würden Sie selbst die Schwächen Ihrer Texte sehen? Wie haben Sie sich ihr Buch vorgestellt, bevor Sie es geschrieben haben? Was hatten Sie sich erhofft? Sind Sie hinter Ihren Erwartungen zurückgeblieben?' Eine Landkarte der Enttäuschungen - das wäre aufschlussreich.“

Landkarte der Enttäuschungen - Nabokov würde das als guten Titel eines schlechten Romans bezeichnen. Ich finde, es wäre ein geeigneter Führer für das Land, in dem Schriftsteller leben, ein Land, das in meiner Vorstellung einen langen Strand hat, an dem die hoffnungsvollen Schriftsteller stehen; an der gegenüberliegenden Küste, unerreichbar, ihre perfekten Romane. Hunderte von Anlegestellen reichen weit hinaus, „enttäuschte Brücken“, wie Joyce sie genannt hat. Die meisten Schriftsteller werden nass. Weshalb das so ist, interessiert Kritiker oder Leser nicht, sie können nur den durchweichten Roman beurteilen, den sie gerade in der Hand halten. Aber für die Schreibenden ist die Frage, was man braucht, um auf die andere Seite zu kommen, ziemlich wichtig. Gut zu schreiben, ist für Schriftsteller nicht nur eine Frage handwerklichen Geschicks, sondern eine Frage des Charakters.

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