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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Dies ist meine private Sprache für eine private Sicht. Aufgabe des Kritikers ist es, eine öffentliche Sprache zu formulieren, die ihrer eigenen privaten Sicht nahe kommt und die, wenn sie präzise genug ist, gleich gesinnte Leser finden wird. Und wenn man mit jener Offenheit und Flexibilität liest, von der Murdoch spricht, mit möglichst wenig Einbildung und Selbsttäuschung, dann wird sich einem die Literatur öffnen. Wer „Die Selbstmordschwestern“ liest, dann „Der Idiot“, dann „You Bright and Risen Angels“, dann „Bleakhaus“, dann „Jonah's Gourd Vine“ und schließlich „Play it as it Lays“, der muss die unendliche Vielfalt der menschlichen Erfahrung anerkennen. Die Literatur konfrontiert den Leser mit der Tatsache, dass es noch viele andere Realitäten neben der seinen gibt.

15. Zum Schluss

Ich habe versucht, ein Plädoyer für die besondere Rolle des Autor-Kritikers zu halten, was ja in meinem Interesse liegt. Es besteht der Verdacht, dass Autoren, die sich als Kritiker betätigen, zuviel von der Haltung und den Geheimnissen ihres Berufs bewahren, als dass sie wirklich Kritik üben könnten - vielleicht bin ich selbst ein gutes Beispiel dafür. Eine wunderbare Ausnahme ist Roland Barthes, der sich in den kreativen Künstler einfühlen konnte und zugleich ein unbestechlicher Kritiker war. Vor allem hatte er verstanden, dass der Kritiker ein unzynischer Wahrheitssucher sein muss, der sich einzig von seinen eigenen Überzeugungen und Wertvorstellungen leiten lässt. „Jeder Kritiker“, sagt Barthes, „wählt die Sprache, mit der er eine intellektuelle Tätigkeit ausübt, die ausschließlich die seine ist. Er stützt sich dabei auf sein innerstes Ich, d. h. seine Vorlieben, Abneigungen und Obsessionen.“

Genau das möchte ich von Kritikern und Lesern hören, dieses innerste Ich will ich spüren. Vielleicht müssen wir wegkommen von den Akademien, von den Zeitungen und zum Lesesessel zurückfinden, um dies zu spüren. Hören wir, wie Virginia Woolf, meine Lieblingsautorin-Kritikerin, über die Erfahrung spricht, in einem bequemen Lesesessel sitzend Romane zu beurteilen.

„Es ist schwer, zu sagen: ,Dieses Buch ist nicht nur von dieser oder jener Art, es hat auch diesen Wert; hier ist es misslungen, dort ist es gelungen, dies ist schlecht, das ist gut.' Um diesem Teil seiner Pflicht gerecht zu werden, braucht der Leser Phantasie, Verständnis und die Einsicht, dass kein Mensch vollkommen ist, dass nicht einmal der Selbstsicherste mehr als die Saat solcher Blumen in sich findet. Aber selbst wenn die Ergebnisse schrecklich sind und unsere Urteile falsch, so ist unser Geschmack, jener Empfindungsnerv, dessen Schockwellen uns ergreifen, unsere wichtigste Leuchte; wir lernen, indem wir fühlen; unsere Idiosynkrasien können wir nicht unterdrücken, ohne zu verarmen.“

Auch Schriftsteller lernen durch Fühlen, und die Romane, an denen uns liegt, trainieren unsere Sensibilität: Sie bilden jene Teile von uns aus, die fühlen und empfinden. Das unterscheidet sie von philosophischen Abhandlungen oder Gesetzestexten oder Zeitungen. „Der Prozeß“, ein Roman über Gerechtigkeit, wirkt ganz anders auf uns als John Rawls Essay „A Theory of Justice“ oder Richterin Judy, die uns im Fernsehen einen Vortrag über Gerechtigkeit hält. Die Lektüre von Kafkas Roman und allen anderen Romanen ist selbst ein Prozess. Autor und Leser müssen eine ethische Entwicklung zulassen - anders gesagt: ihr Herz öffnen, um die Vielfalt menschlicher Erfahrung zu verstehen, mit der uns die Literatur konfrontiert. Dieses Ideal zu erreichen, gelingt beiden nur ansatzweise. Falls diese ideale Verwandlung von Gedanken in gedruckte Sprache aber doch gelänge, würden unsere Idiosynkrasien, wie Virginia Woolf vermutet, tatsächlich verarmen. Es würde keine Romane mehr geben. Es würde keine Kommunikation geben, keinen Prozess, kein Geschenk - wir würden nur mit uns selber sprechen.

Besser scheitern. Welch merkwürdiges Geschäft wir doch betreiben, wir Schriftsteller, wir Kritiker, wir Leser! Wir schreiben Misslungenes, lesen Misslungenes, studieren und besprechen Misslungenes. Man stelle sich ein Institut vor, das nur Erfindungen untersucht, die nicht halten, was sie versprechen - Schlankheitspillen, Mittel gegen Haarausfall, Ikarusflügel. Genau diese unvollkommene Literatur erscheint mir aber besonders schön und menschlich. Dass Schreiben und Lesen so schwierige Künste sind, erinnert uns daran, wie oft unsere Subjektivität uns im Stich lässt. Wir kennen andere Menschen längst nicht so gut, wie wir glauben. Die Welt ist nicht nur so, wie wir sie sehen. „Ohne Scheitern keine Ethik“, hat Simone de Beauvoir einmal gesagt. Ich finde, sie hat Recht.

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