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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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„Der Hauptfeind von Moral (und Kunst) ist die Einbildung, diese Schicht aus überheblichen und bequemen Wünschen und Träumen, die einen daran hindert, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Das ist nicht leicht, und es verlangt Disziplin, in der Kunst wie in der Moral. Man könnte Kunst mit Moral vergleichen, vielleicht ist Kunst in dieser Hinsicht etwas Moralisches.“

Für einen Schriftsteller ist das eine faszinierende, erschreckende Vorstellung. Was, wenn die persönlichen Qualitäten, die wir brauchen, um das Gute im Leben zu erkennen, tatsächlich jenen Werkzeugen ähneln, die wir brauchen, um gut zu schreiben? Es ist, wie Iris Murdoch sagte, unglaublich schwer, sich klar zu machen, dass andere Menschen genauso existieren wie wir. Es ist die große Herausforderung der Kunst, uns diese fundamentale Wahrheit vor Augen zu führen - aber es ist auch die Herausforderung in unserem Leben.
Schriftsteller, wie alle anderen Menschen, stellen sich die Welt gern als einen Film vor, in dem sie selbst die Hauptrolle spielen und die anderen bloß Statisten sind. Um gut zu leben, gut zu schreiben, muss man die unbestreitbare Realität anderer Menschen akzeptieren. Ich glaube daran, und ich glaube überdies, dass diese Beziehung auf jeder Ebene existiert - ein Satz kann eine Selbsttäuschung ein, kann Hintergedanken verfolgen, kann angestrengt gefallen wollen, kann lügen, kann blind sein gegenüber allem, was außerhalb seiner selbst liegt, kann sich allzu wichtig nehmen. Die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind - darin zeigt sich für mich eine moralische Haltung, in der Literatur, im Leben, überall.

Doch das ist nur meine Sicht. Ich bin sicher, es gibt viele andere, radikalere Wege, eine Beziehung zwischen unseren Erfahrungen und den Erfordernissen des Schreibens herzustellen, so viele Beziehungen, wie es unterschiedliche Schreibweisen gibt. Wäre das nicht ein interessantes Projekt für eine künftige Kritikergeneration? Jeder Kritiker ist ein Künstler in dieser imaginären Literaturrepublik. Jeder Kritiker leistet genauso viel kreative Arbeit wie der Schriftsteller, wahrscheinlich noch mehr.

Ein großer Kritiker versetzt sich in den Schriftsteller. Er fügt im Nachhinein die Ansichten und Obsessionen und Träume zusammen, die den Roman überhaupt erst hervorgebracht haben. Und bringt auf diese Weise seine eigenen Ansichten, Obsessionen und Träume zum Ausdruck. Er spricht über seine Erfahrung mit einem Roman.

Wenn ich ein Buch aufschlage, sehe ich das Gehirn eines anderen Menschen. Nabokovs Gehirn erinnert mich ein großes Durcheinander. George Eliots sieht aus wie eines dieser Siebe, die Goldwäscher benutzen. Jane Austens erinnert an eine dieser Glasblumen, die man im Natural History Museum von Harvard sieht. Jeder von ihnen hat Stärken und Schwächen. Ich kann Nabokov verschlingen, hastig und ein wenig benommen. Ich finde, was an Eliot wertvoll ist, allerdings versteckt unter nüchternen, schweren grauen Steinen. Bei Austen erlebe ich das Schöne und Wohlproportionierte, aber das Ergebnis duftet nicht und fühlt sich kalt an.

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