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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Das heißt nichts anderes, als dass jeder Mensch individuell beurteilt werden sollte, eine Binsenwahrheit, die der Gegenkritiker aber nicht anerkennt. Er hat beschlossen, dass die Literatur nur eine einzige lohnende Mission hat, und was für ein schöner Zufall, dass diese sich mit seinen eigenen Vorlieben und Vorurteilen deckt. Dass es sinnlos ist, Bret Easton Ellis dafür zu tadeln, dass er nicht Philip Roth ist, oder Thomas Bernhard einen Rüffel zu erteilen, weil er nicht Alice Munro ist, kommt ihm nicht in den Sinn. Er sieht nur Schriftsteller, denen die Qualitäten fehlen, die aus seiner Sicht gute Literatur ausmachen.

Mag sein, dass Douglas Coupland wenig von Hirtenidyllen versteht, aber er weiß, wie Wohnzellen beschaffen sind, und dem Nichtverstehen des einen entspricht das Verstehen des anderen. Und Philip Larkin war zwar inkompetent, wenn es um das Thema Frauen ging, aber Frauen waren ja nicht sein Thema. Sein Thema war der Tod.

Wenn der Gegenkritiker nicht so versessen darauf wäre, immer nur nach der einen Qualität zu suchen, würde er merken, dass Schwächen die Kehrseite bestimmter Stärken sind - aber er sucht das Urteil der Literatur, nicht die Silben. Er definiert seine Theorie als Literatur schlechthin, und seine mangelhafte Vorstellungskraft erklärt er zum ästhetischen Prinzip. Es spricht zwar nichts dagegen, bestimmte Qualitäten bei einem Roman für wichtiger zu halten als andere, aber es kommt darauf an, seine persönlichen Ansichten als solche zu erkennen.

Der Gegenkritiker gleicht einem überheblichen Atheisten von William James, der seine Auffassung für objektiv hält, die der anderen aber für subjektiv. Wir müssen anerkennen, dass beispielsweise die Literaturkritikerin der „New York Times“, Michiko Kakutani, die Welt anders sieht als etwa David Foster Wallace. Das meint Wallace Stegner, wenn er den Roman als „dramatisierten Glauben“ bezeichnet. Reaktionen auf Romane, Literaturkritik, sind ebenfalls dramatisierter Glaube. Ehrlicher Umgang mit literarischem Geschmack würde bedeuten, anzuerkennen, dass wir, wenn ein Roman uns nicht gefällt und wir ihn ablehnen, auch einen Teil dessen ablehnen, woran die Literatur glaubt.

14. Bessere Leser, bessere Autoren

Wenn aber die wahre Pflicht des Autors darin besteht, er selbst zu sein, wie kann er dann scheitern? Fordern wir eine neue, „harmlose“ Kritik, in der alle Schriftsteller nur deswegen gut wegkommen, weil sie sich aufrichtig bemüht haben? Nein. Ich stelle mir einen sehr viel gründlicheren Leser vor. Mein Leser weist Schriftstellern die gleiche Verantwortung zu wie alle anderen, er lässt nicht zu, dass sie die menschlichen Grenzen überschreiten, weil er weiß, dass Schriftsteller, wie alle anderen Menschen auch, sich als ethische Individuen in der Welt bewegen.

Eine Kritikerin-Autorin, Iris Murdoch, hat das sehr gut verstanden. Sie beharrte auf der Vorstellung, dass sich im Kunstwerk nicht nur eine Fertigkeit, sondern die ganze Person des Künstlers zeige. Sie zog eine Verbindung zwischen guter Kunst und gutem Leben:

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