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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

  • -Aktualisiert am

Doch was ist mit den Romanen, die sich nicht so leicht für eine allgemeine Diskussion hergeben? Manchmal scheint es, als wären die Qualitäten, die Leser und Kritiker in einem Roman suchen, genau jene, die einem guten Roman im Weg stehen. Ein Roman soll uns definitiv sagen, was es heißt, ein junger Muslim oder ein amerikanischer Soldat oder eine Mutter zu sein. Ein Roman soll uns ein geschlossenes Ideensystem liefern. Ein Mensch soll eine Nation symbolisieren. Der Roman soll für eine ganze Gruppe sprechen oder eine wichtige aktuelle Frage beantworten. Als gute Systemproduzenten wollen wir die ganze Szenerie überblicken, alles sehen, alles erfahren, „wie es wirklich ist“.

Das Dumme ist nur, dass unser Leben, wie gute Romane wissen, immer nur ein Ausschnitt ist, eine Teilansicht bietet. Nabokov schrieb ein Buch über ein Kind namens Lolita, sagte aber korrekt voraus, dass sein Roman als Allegorie gelesen würde, als Allegorie des „Alten Europa, von dem das junge Amerika vergewaltigt wird“ oder „Des jungen Amerika, von dem das alte Europa verführt wird“. Nabokov überlebte das kommunistische Russland. Er wusste, was Kollektivierung des Denkens bedeutet. Lolita ist leicht zu lesen, wenn man an Symbole glaubt. Es ist nur eine Erziehung der Gefühle, nur eine Entwicklungsphase, nur eine Transformationserfahrung, wenn man sich Nabokovs Vision hingibt und in Lolita das einzelne Kind sieht, nicht ein Modell für etwas Allgemeines.

13. Der Gegenkritiker

Es gibt, weit entfernt vom Systemkritiker, noch einen anderen Kritiker, nennen wir ihn den Gegenkritiker, der sich viel darauf zugute hält, keiner Schule anzugehören, unabhängig zu sein. Ihn interessiert nur, was gut ist, dauerhaft gut. Wenn ein Name gepusht wird, hält er dagegen. Er setzt sich für verkannte Autoren ein. Er ist nicht, was Kingsley Amis seinem Sohn vorwarf - ein Blatt im Wind der Trends. Seine Kritik ist Ausdruck eigenen Geschmacks und eigener Überzeugungen - die schönste Art Kritik, wie ich finde. Aber merkwürdigerweise glaubt der Gegenkritiker, dass sein persönlicher Geschmack nicht genügt. Er sagt nicht einfach (wie der Schriftsteller): das gefällt mir, daran glaube ich. Er muss seinen Geschmack zu einem allgemeinen Gesetz erheben.

Um das Problem des Gegenkritikers zu verstehen, müssen wir uns noch einmal mit der Pflicht des Schriftstellers beschäftigen. Ich habe weiter oben gesagt, dass es die Pflicht eines jeden Schriftsteller sei, die Wahrheit seiner Weltsicht zu vermitteln. Daraus folgt, dass diese Pflicht immer etwas anders aussieht, denn jede Sichtweise hat eigene Schwerpunkte, eigene Dringlichkeiten. In William James' Studie Varieties of Religious Experience findet sich eine Empfehlung, die der Gegenkritiker vielleicht beherzigen sollte:
„Jeder nimmt aus seiner individuellen Sicht eine bestimmte Sphäre von Tatsachen und Problemen wahr, mit der er auf seine eigene Weise umgehen muss. Der eine muss weicher, der andere härter werden, der eine muss nachgeben, der andere muss standhaft bleiben - um die ihm zugeschriebene Position besser verteidigen zu können. Wenn ein Emerson ein Wesley sein müsste, ein Moody ein Whitman, würde das ganze menschliche Bewusstsein vom Göttlichen leiden. Das Göttliche meint keine einzelne Eigenschaft, es kann nur eine Gruppe von Eigenschaften meinen, als deren Vertreter alle Menschen lohnende Aufgaben finden können. Insofern jede Haltung eine Silbe in der umfassenden Botschaft der menschlichen Natur ist, kann diese nur von allen Menschen ausgedrückt werden.“

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