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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Auch junge Leser sind Zweifelnde und Suchende. Sie leben in einem Negativ, wie Kierkegaard es beschreibt, und sind daher sehr empfänglich für jene, die ihnen ein Positiv anbieten, wie etwa - in dem von Kierkegaard erläuterten Fall - das grandiose Positiv des Hegelschen „Systems“. Doch er warnt: Geschlossene Systeme, die die menschliche Existenz studieren, führen uns nicht zur Wahrheit, weil wir nicht in Systemen existieren, sondern nur in unserer Haut. „Eine Philosophie des reinen Denkens“, sagt Kierkegaard, „ist für den Einzelnen eine Chimäre, wenn man in der gesuchten Wahrheit existieren will. Unter Führung des reinen Denkens zu existieren ist, als würde man in Dänemark mit Hilfe einer kleinen Landkarte von Europa reisen, auf der Dänemark nicht größer als ein Stecknadelkopf ist - ja, es ist geradezu unmöglich.“

Wenn wir einem kleinen eigenwilligen Roman begegnen, der kein enzyklopädisches Wissen behauptet, der keine journalistischen Interpretationshilfen bietet, der nicht in einem Krieg führenden Land spielt und auch kein aktuelles gesellschaftliches Thema behandelt, dann wissen wir nicht recht, wie wir ihn lesen sollen. Wir haben unsere Landkarte von Europa, doch dieser Roman ist Dänemark, vielleicht auch nur Kopenhagen. Aber wir haben vergessen, wie man sich in Kopenhagen bewegt. Sinnlos, sich damit abzugeben. Wenn Literatur so speziell und unpraktisch ist, greifen wir lieber zu etwas Nützlichem und Realen und lesen eine Stalin-Biographie.
12. Werde dein eigener Kartograph!

Lesen ist eine kierkegaardsche Anstrengung, intim, sorgfältig, eine Unternehmung, die nichts mit Theorien oder Schulen zu tun hat, nur mit uns selbst, unserer subjektiven Realität. Man muss seinen eigenen Stadtplan von Kopenhagen anfertigen. Man muss offen sein für den Gedanken, dass Kopenhagen vielleicht ganz anders aussieht als erwartet oder vermutet. Die Landkarten anderer Leute muss man wegwerfen. Wer sich beispielsweise ausschließlich im Genre „postkolonial“ bewegt, wird nur wenige Bücher interessant finden, und selbst diejenigen, die garantiert in dieses Genre gehören, werden einen häufig enttäuschen, weil sie die eigenen Erwartungen nicht erfüllen.

Da trifft es sich gut, dass einige Schriftsteller, die Ihren Geschmack kennen, Romane schreiben, die Ihnen gefallen - Romane, die so anmuten, als seien sie geradezu auf Bestellung geschrieben worden. Das sind die Bücher mit den großen Entwürfen, und für junge Leute, bewaffnet mit den Literatursystemen, für die sie auf der Universität viel Geld bezahlt haben, sind diese Bücher außerordentlich verführerisch. Erfolgreich sind hier Bücher, die dem Modell entsprechen; Bücher, die keine Relevanz beanspruchen, gehen unter. Systemleser produzieren Systemschriftsteller; Autoren, die ihren Roman vor dem Leser auspacken können, die auf dieses oder jenes Thema hinweisen, auf diesen Subtext, auf dieses Rassenproblem, auf diesen Geschlechterdiskurs. Sie denken an die Wochenendbeilagen, und in ihren Romanen wimmelt es von Stichworten, an denen man eine breite Diskussion aufhängen kann, wie gemacht für eine Doppelseite im Feuilleton.

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