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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Der Leser muss die gleichen Fertigkeiten mitbringen wie der Schriftsteller. Leser enttäuschen den Schriftsteller genauso oft wie er sie. Leser irren, wenn sie an das alte Mantra glauben, dass man sich im Roman wiederfinden müsse und Schriftsteller die netten Leute seien, an die man sich wendet, wenn man seine eigene Weltsicht bestätigt haben will. Sicher kann die Literatur auch das, aber es ist nur ein Zaubertrick, der einer viel tieferen Magie entspringt. Um bessere Leser und Schriftsteller zu werden, müssen wir uns etwas mehr abverlangen.

11. Systemleser, Systemschriftsteller

„Ein Kunstwerk“, schrieb Nabokov einmal, „hat keinerlei Bedeutung für die Gesellschaft. Es ist nur für den Einzelnen wichtig, und für mich ist nur der einzelne Leser wichtig.“

Ein Schriftsteller mit derart ausgeprägten Ansichten hätte es in der heutigen Literaturwelt nicht leicht, denn der „einzelne Leser“ ist endgültig verschwunden. In Schreibseminaren, in Lesegruppen, an Universitäten werden diverse allgemeine Literaturmodelle angeboten - postkolonial, feministisch, postmodern, politisch und so weiter. Sie erinnern an die Gebrauchsanweisungen, die IKEA-Möbelkartons beiliegen. Man muss nur die Romane suchen, die den bereits vorhandenen Blaupausen am ehesten entsprechen.

In jedem Literaturmodell gibt es einen Urroman, der die Blaupause liefert und dem alle anderen Romane angepasst werden. Dieser Urroman ist meist ein individuelles Meisterwerk, das so leuchtend scheint, dass in seinem Schatten eine literarische Heimindustrie existieren kann. Die dort produzierten Romane finden garantiert ihre Leser: der erste Roman hat das Lesesystem hervorgebracht, in dem alle anderen ihren Platz finden.

Dieser Zustand mag die Ablehnung erklären, die der Experimentalist dem Realisten oder dem Kultautor oder dem Bestseller entgegenbringt. Es ist ärgerlich und demoralisierend, wenn man erlebt, dass Leser trainiert werden, nur Romane einer bestimmten Art zu lesen und als Literatur nur diejenigen anzuerkennen, die mit linguistischen Codes arbeiten, zu denen sie bereits den Schlüssel besitzen. Das führt dazu, dass das Intime und Idiosynkratische in der Literatur weniger geschätzt wird als das ideologisch Eindeutige und Allgemeine. Wenn die Welt in Unruhe ist, können politische Romane großen Trost bieten. Der Nobelpreis ging an Pasternak, nicht an Nabokov.

Und wie sollen wir nun lesen? Was sagt man einem jungen Leser, der unentschlossen vor dem Smörgåsbord voller theoretischer „Lesesysteme“ steht, die ihm allwöchentlich im Seminar präsentiert werden? Søren Kierkegaard hat einen nützlichen Rat, den er skeptischen Jugendlichen bietet, die sich zum ersten Mal der Philosophie nähern: „Der junge Mensch ist ein Zweifler. Unsicher in seinen Zweifeln und ohne zuverlässige Orientierungspunkte für sein Leben, sucht er nach der Wahrheit - um darin zu existieren.“

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