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Essay : Zadie Smith: Besser scheitern

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Doch es besteht kein Anlass, zu weinen. Wenn es stimmt, dass erstklassige Romane selten sind, dann stimmt auch, dass das, was wir als Literaturkanon bezeichnen, im Grunde die Geschichte des Zweitklassigen, das Vermächtnis ehrenwerten Scheiterns ist. Jeder Schriftsteller sollte stolz sein, wenn er in diese Liste aufgenommen wird, so wie jeder Leser sich glücklich schätzen sollte, diese Autoren zu lesen. Die Literatur, die uns wichtig ist, besteht aus vielen Fragmenten eines Versuchs, nicht aus dem Monument des Erreichten. Die Kunst liegt im Versuch, und die Anstrengung, die Welt außerhalb von uns zu verstehen, gestützt einzig auf das, was in uns ist, zählt zu den intellektuell und emotional schwierigsten Dingen, die man tun kann. Es ist die Pflicht des Schriftstellers. Und des Lesers. Hatte ich davon schon gesprochen?

10. Achtung, Leser: Der Roman ist kein einseitiges Unternehmen

Die Arbeit am Roman ist zu gleichen Teilen auf zwei Seiten verteilt. Lesen ist genauso schwer wie Schreiben - davon bin ich überzeugt. Wer behauptet, Lesen sei eine so passive Tätigkeit wie Fernsehen, nimmt das Lesen und den Leser nur nicht ernst. Eine bessere Analogie wäre der Amateurmusiker, der die Noten auf dem Ständer aufschlägt und sich anschickt, zu spielen. Er muss mühsam erworbene Fertigkeiten anwenden, um dieses Stück zu spielen. Je größer seine Fertigkeiten, desto größer ist das Geschenk, das er dem Komponisten macht und von diesem erhält.

Dies ist eine Auffassung von „Lesen“, von der heutzutage selten die Rede ist. Trotzdem, die alte Moral von Mühe und Lohn nicht zu bestreiten, wenn man seine Zeit mit einem Buch verbringt, sich im Lesen übt. Lesen ist eine Fertigkeit, und Leser sollten stolz auf ihre Fähigkeiten sein und sich nicht schämen, sie zu kultivieren, und sei es nur, weil der Schriftsteller auf sie angewiesen ist. Der ideale Schriftsteller braucht als sein Gegenüber den idealen Leser, einen Leser, der offen genug ist, sich einen Menschen vorzustellen, der anders als er selbst ist, mitunter so anders, dass es fast schon gegen jede Vernunft spricht. Der ideale Leser stellt sich an die Seite des Schriftstellers, und gemeinsam wird ihnen der große Coup gelingen.

Ich will damit nur sagen: der Leser muss Talent haben. Eine ganze Menge Talent sogar, denn selbst für den talentiertesten Leser ist das Land der Literatur ein überwiegend schwieriges Terrain. Wie viele von uns empfinden die Welt denn so, wie Kafka sie empfunden hat, unglaublich verzerrt, dass man es nicht mehr ins nächste Dorf schafft. Wer kann sich, wie Borges, eine Welt ohne Substantive vorstellen? Wer kann emotional so großzügig sein wie Dickens, wer den Glauben so ernst nehmen wie Graham Greene? Wer von uns kann sich so freuen wie Zora Neale Hurston, wer kann Douglas Couplands Zukunftsvisionen aushalten? Wer besitzt die nötige Empfindsamkeit für die feinsten Nuancen bei Flaubert? Wer ist bereit, David Foster Wallace geduldig auf seinen verschlungenen Pfaden zu folgen?

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