https://www.faz.net/-gqz-7oyk2

Erster Weltkrieg : Der Angriff des Konjunktivs

Französische Truppen an der Westfront Bild: picture alliance / Sueddeutsche

Alle waren böse und gierig, die Deutschen außerdem naiv: Der Historiker Jörg Friedrich träumt in seinem neuen Buch davon, wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg hätten gewinnen können.

          Aus der Sicht des Büchermarkts ist der Erste Weltkrieg gelaufen. Gewonnen hat das britische Empire in Gestalt des australischen Historikers Christopher Clark, dessen „Schlafwandler“ mit zweihunderttausend verkauften Exemplaren an allen anderen Veröffentlichungen zum Jubiläumsjahr vorbeigezogen ist. An zweiter Stelle liegt das Deutsche Reich, vertreten durch den Berliner Professor Herfried Münkler, dessen Studie „Der Große Krieg“ sich immerhin fünfzigtausendmal verkaufte. Dahinter rangieren einige kleinere deutsche und angelsächsische Schreibmächte wie der Fernsehhistoriker Guido Knopp mit einer „Bilanz in Bildern“ und der New Yorker Journalist Adam Hochschild mit seiner romanhaften Geschichte der Kriegs- und Heimatfronten.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das schwerste Gewicht auf den Büchertischen, die dicke Bertha der deutschen Publizistik, ist der Elfhundert-Seiten-Wälzer „Die Büchse der Pandora“ des Freiburger Ordinarius Jörn Leonhard, das leichteste Volker Berghahns gut hundert Seiten langes Brevier bei C. H. Beck. Russische, französische und andere ausländische Autoren kommen in der Regalschlacht um den geschichtsinteressierten Leser nicht zum Einsatz.

          Die Parias des Westens

          Was kann ein weiteres Tausend-Seiten-Buch in dieser Lage noch an Aufklärung bringen? Sind wir nicht längst bis zum Exzess informiert über die europäischen Bündnissysteme, die sich nach dem Attentat in Sarajevo unentwirrbar verhedderten, über das Grauen der Schützengräben, den Propagandakrieg, die Intrigen der Generäle? Aber der Autor von „14/18“ ist ja nicht irgendjemand, sondern der als Debattenauslöser bekannte und bewährte Jörg Friedrich. Vor zwölf Jahren hat er mit dem „Brand“, der Jeremiade über den Bombenkrieg der Alliierten, das letzte große Aufregerbuch über den Zweiten Weltkrieg geschrieben, und jetzt kommt „Der Weg nach Versailles“ (so der Untertitel) gerade recht.

          Ein Truppführer mit einem Fernglas in der Hand kauert 1915 mit seinen Soldaten an einem Waldrand an der Westfront.

          Friedrich, so verspricht sein Verlag, erkläre uns, wie das Deutsche Kaiserreich, das „den Neid der Völker auf sich gezogen“ habe, „vom Musterschüler zum Paria Europas“ geworden sei. Das ist der Ton, den wir von diesem Autor erwarten: Der deutsche Klassenprimus, von den Hinterbänklern und Versagern der Nachbarschaft bis aufs Blut gereizt, schlägt um sich, bis ihm die Puste ausgeht und er vom Lehrer in die Strafecke gestellt wird. Historie, ein Kinderspiel.

          Tatsächlich fällt das Wort vom „Paria“ in Friedrichs Buch an einer bezeichnenden Stelle. Es geht darum, dass das deutsche Heer mit seinen Greueln gegen die belgische Zivilbevölkerung schon in den ersten Kriegswochen das Bild der kindermordenden „Hunnen“ befestigte, von dem die alliierte Kriegspropaganda bis zum Versailler Friedensschluss zehren sollte. Zwar bewegten sich die Schandtaten, so Friedrich, „im Rahmen des bei Belgiern und Briten, Franzosen und Amerikanern Üblichen“, wenn man etwa an die Massaker im Kongo oder die Konzentrationslager im Burenkrieg denke. Nur hätten sich die Deutschen eben besonders dumm angestellt. Sie ließen sich beim Massakrieren erwischen, „und daraus wand ihnen das politische Talent der anderen einen Strick. So wurden sie die Parias des Westens.“

          Deutschland hat Größeres vor

          Dieses Denkmuster kehrt in „14/18“ immer wieder: Alle waren böse und gierig - die Italiener, weil sie auf Südtirol und Triest, die Rumänen, weil sie auf Siebenbürgen spekulierten, die Franzosen, weil sie sich zusätzlich zu Elsass-Lothringen noch das Rheinland unter den Nagel reißen, die Amerikaner, weil sie möglichst viel Kriegsmaterial an alle Parteien verkaufen wollten, und die britischen Krämerseelen sowieso -, aber nur die Deutschen waren außerdem noch naiv.

          So übersahen sie gleich am Anfang, dass der berühmte „Blankoscheck“, also die Zusicherung der deutschen Diplomatie an die verbündeten Österreicher, sie bei einem Krieg gegen Serbien zu unterstützen, „keineswegs blank“ (Friedrich) - nämlich nur bei einem russischen Angriff einzulösen - war, und vergaßen deshalb, die Donaumonarchie zurückzupfeifen. Später begriffen sie nicht, was allen Schreibtischstrategen wie Jörg Friedrich im Nachhinein sonnenklar ist: dass der Krieg schon Ende 1914 schiefgegangen war, eben deshalb, weil er immer noch weiterging.

          Ihre größte Dummheit aber begingen sie 1917, am Schluss jenes Jahres, das nach den Kriegsgegnern Serbien, Rumänien und dem militärisch erledigten Italien nun auch das im Strudel der Revolution versinkende Zarenreich hinweggefegt hatte. Es ging ihnen einfach nicht auf, dass sie den Kampf, den sie seit drei Jahren gegen alle anderen Großmächte Europas (und seit Anfang April auch gegen Amerika) austrugen, gewonnen hatten.

          Weitere Themen

          Verlorene Welt

          Jüdische Küche : Verlorene Welt

          In vielen Städten ist die jüdische Küche aus dem Alltag fast komplett verschwunden. Eine Spurensuche in Berlin, Wien und Brünn.

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Umfrage zu Russland : Mächtig, aber unbeliebt

          Wer Macht hat, ist nicht automatisch beliebt. Auf Russland trifft das zu, wie eine neue Umfrage des Pew-Instituts zeigt. Auf den zweiten Blick offenbaren sich interessante Unterschiede unter den Befragten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.