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Verschollener Erotik-Roman : Ein wahnsinniges Stück Prosa

Rudolf Borchardt war das Inbild des konservativen, ordentlichen Autors. Doch er hat einen pornographischen Roman geschrieben, der bislang verschollen war. Die Erben rücken ihn nicht heraus. Fürchten sie die Frivolität?

          Ich begreife vollkommen die Möglichkeit, dass Borchardt ein ganzes Buch lateinischer pornographischer Gedichte geschrieben hat, wenn ich auch an die reale Existenz des Buches nicht glaube. Widerlich wird diese Möglichkeit erst im Contrast zur Maske der Ordnung, die der Mann sich umhängt.“ Das notierte der Literaturwissenschaftler Werner Kraft, ein früherer Verehrer Rudolf Borchardts, in seinem Tagebuch.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie sich nun herausstellt, hat Borchardt, der Zeitgenosse Hofmannsthals und Georges, den man gern der „Konservativen Revolution“ zurechnet, nicht nur Gedichte dieser Art, sondern in den dreißiger Jahren einen ganzen erotischen Roman verfasst, der jahrzehntelang im Nachlass schlummerte - ein Werk, das um 1901 spielt und seinen autobiographischen Ich-Erzähler „in der leichtsinnigsten und libertinsten Periode meines Lebens“ ins Berliner Nachtleben stürzen lässt, ein Werk, das im Manuskript keinen Titel trägt, aber ebenso gut „Der Zauberberg“ wie auch „Weltpuff Berlin“ heißen könne, ein Werk, das von Grandhotels in Bordelle führe, dessen Einzelerzählungen „sich blähen wie bei Boccaccio“, um dann zu versumpfen, ein Werk, dessen Erzähler als „herumtaumelnder Kavalier französisches Bettgeflüster, amerikanische Flirt-Dialoge und Telefonate auf Latein führt“ und dabei eher an Fanny Hill als an Rousseau erinnere, ein Werk, das einen ganz anderen Verfasser offenbare als den sonst bekannten „strengen, feierlichen, knorrigen Konservativen“, ein Werk, das gedruckt 1200 Buchseiten umfasse - und somit „Rudolf Borchardts Hauptwerk, zumindest dem Umfang nach“?

          Warum darf das Buch nicht erscheinen?

          So spricht der Mann, der dieses Werk herausgeben möchte, der Literaturwissenschaftler Gerhard Schuster, der seit fast vierzig Jahren zu Borchardt forscht und das Wetzlarer Borchardt-Archiv leitet, als Gast beim „Forum Edition“ an der Universität Heidelberg. Doch das Buch darf nicht erscheinen. Schuster ist enttäuscht. Borchardts ältester, inzwischen verstorbener Sohn Kaspar habe ihm im Jahr 2011 erlaubt, das betreffende Konvolut, das im Deutschen Literaturarchiv in Marbach als sekretierter Bestand liegt, archivalisch zu bearbeiten. Nun wolle der jüngere Bruder Cornelius aus unverständlichen Ängsten die fertige Edition verhindern.

          Flankiert wird Schuster in Heidelberg von dem Antiquar und Mäzen Heribert Tenschert, der gerne mal polternd auftritt und markig spricht. Der autobiographische Berlin-Roman bilde die geheime literarische Mitte in Borchardts Werk und werde nun der Welt vorenthalten! In der „Edition Tenschert“ erscheint, bislang beim Hanser Verlag, die Borchardt-Briefausgabe. Außerdem bereitet der reiche Mann vom Bodensee, der einen Großteil des Vorlasses von Martin Walser erworben hat, auch für diesen eine Werkausgabe vor, weil der Rowohlt Verlag keine vernünftige zustande bringe. Er betrachte es als das große Versäumnis seines Lebens, dass er vor Jahren, als dazu noch die Möglichkeit bestand, nicht den Borchardt-Nachlass gekauft habe, um damit „etwas Sinnvolles damit zu tun“. Nun liege das Werk in Marbach wie Blei.

          Die Schutzfrist ist längst abgelaufen

          Ulrich Raulff, Leiter des Marbacher Archivs, bestätigt im Gespräch mit dieser Zeitung, dass Cornelius Borchardt ihn brieflich darum gebeten habe, an der Sperrung des Bestandes festzuhalten. Warum ist das überhaupt möglich? Beim Heidelberger Forum sagt der ausrichtende Editionswissenschaftler Roland Reuß, es sei ein Unding, dass über den Umgang mit Beständen, die einmal einem öffentlichen Archiv verkauft worden seien, nach Ablauf der Schutzfrist (die im Falle Borchardts Ende 2015 auslief) überhaupt noch mit Erben zu verhandeln sei. Raulff hingegen gibt zu bedenken, dass das Urheberrecht hier nicht entscheidend sei: Bei jedem Bestandsankauf gebe es in Marbach einen individuell abgestimmten Vertrag mit den Erben, den es zu respektieren gelte, auch um das Renommee des Archivs zu schützen. Er akzeptiere das in diesem Fall jedoch mit Bedauern, denn es sei grundsätzlich auch in seinem Sinne, den Marbacher Gesamtbestand „lieber heute als morgen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“.

          Ist das ein Skandal? Die Borchardt-Editoren wollen alles Sensationsheischende vermeiden - es handele sich bei dem unterdrückten Werk nicht um eine „Penisoperette“ -, geben dem aber selbst Nahrung, indem sie von einem wahnsinnigen Stück Prosa sprechen, das womöglich noch Döblins „Berlin Alexanderplatz“ in den Schatten stelle und den Blick auf die Literaturgeschichte verändern werde. Diese vollmundige Ankündigung würde man gern überprüfen. Aber das kann noch dauern.

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