https://www.faz.net/-gqz-7nb44

Eröffnung der Leipziger Buchmesse : Ein Festakt als Kulturinvasion

Der indische Publizist Pankaj Mishra bei der Verleihung des „Buchpreises zur Europäischen Verständigung“ Bild: dpa

Die Leipziger Buchmesse beginnt mit einem großen Festakt samt Preisverleihung im Gewandhaus. Dabei werden etliche Fragen geklärt – und ein neues Rätsel wird aufgegeben.

          4 Min.

          Es gab einigen Grund, gespannt auf diesen gestrigen Abend zu sein, an dem die Leipziger Buchmesse mit einem Festakt im Konzertsaal des Gewandhauses eröffnet wurde. Wie würde sich Heinrich Riethmüller, der neue Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bei seinem ersten Auftritt in ganz großer Öffentlichkeit schlagen, nachdem sein Vorgänger Gottfried Honnefelder auf solche Gelegenheiten seinen besonderen Ehrgeiz gesetzt hatte?

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Durfte man mit ersten Reaktionen auf den erst am Nachmittag zuvor bekannt gewordenen Beginn von Amazons Verlegertätigkeit auf dem deutschsprachigen Buchmarkt rechnen? Wie würde der Schriftsteller Ilija Trojanow die Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an den indischen Historiker Pankaj Mishra begründen, dessen Buch „Aus den Ruinen des Empires“ sich reichlich unversöhnlich mit den Folgen der Entkolonialisierung für Asien beschäftigt?

          Und wie könnte sich die Schweiz, das Gastland der diesjährigen Buchmesse, das aber dezidiert kein Gastland sein will, weil es doch in der deutschsprachigen Literatur zu Hause sei, nach dem Referendum vom Februar präsentieren, in der die Schweizer Bevölkerung gezeigt hatte, dass ihr Land auch nicht Gastgeber sein will?

          Optimismus für die Entwicklung des Buchhandels

          Alle diese Fragen wurden beantwortet, aber alle etwas anders als erwartet. Der Tübinger Buchhändler Riethmüller erwies sich als sachlicher Redner, der erst gar nicht den Ehrgeiz entwickelte, einen ähnlich staatstragenden und weltbewegenden Ton wie sein Vorgänger zu finden. Dabei machten ihm die gute Geschäftsentwicklung, die der Sortimentsbuchhandel im Jahr 2013 erlebte, die Aufgabe leicht.

          Ob deshalb aber die Buchbranche schon als Vorbild für alle Handelszweige taugt, wie von Riethmüller behauptet, darf man bezweifeln. Immerhin schwang der neue Vorsteher sich am Ende sogar zu einer konkreten Forderung auf: nach umfassenden kulturellen Ausnahmen in den Verhandlungen zwischen Europäischer Union und Vereinigten Staaten über ein Freihandelsabkommen.

          Amazon dagegen kam nur am Rande einmal vor, als Riethmüller feststellte, dass Jeff Bezos vor zwanzig Jahren bei der Gründung seines Versandunternehmens wohl kaum Kulturverbreitung im Auge gehabt hätte. Unausgesprochen fühlte man sich im Saal dem Netz-Parvenü überlegen: Man selbst macht ja eben in Kultur und nicht in Genre, wie es Amazon nun vorhat.

          Leipziger Hochkulturträger eröffnen mit Bach und Telemann

          Rund 2200 Aussteller hat die Leipziger Messe diesmal zu bieten, mehr als dreitausend Autoren treten auf: eine veritable Kulturinvasion. Das passte zur Leipziger Eröffnungsfeier, die davon profitierte, dass sie mit dem Gewandhausorchester und diesmal auch noch mit dem Thomanerchor musikalische Hochkulturträger im Programm hatte, auch wenn sich deren reine Spielzeit auf bestenfalls zwanzig Minuten von der mehr als zweistündigen Veranstaltung addierte.

          Aber diese zwanzig Minuten mit von Michael Gläser souverän dirigiertem Chorgesang von Bach Vater, Bach Sohn und Telemann hatten es in sich. So sehr, dass Ilija Trojanow sich bei seiner Laudatio erste einmal sammeln musste, weil es schwer sei, nach solcher Musik zu reden, „aber es muss ja weitergehen“.

          Topmeldungen

          Wegen seines Umgangs mit dem Missbrauchsskandal in der Kritik: Rainer Maria Kardinal Woelki

          Erzbistum Köln : Gibt es noch eine Zukunft mit Woelki?

          In Köln ist das Vertrauensverhältnis zwischen Erzbistum und Erzbischof zerrüttet. Ein externer Moderator muss einspringen. Nicht wenige hoffen, dass ein Spruch aus Rom die Angelegenheit schon vorher erledigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.