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Ernst Osterkamp : Mein Lieblingsbuch: „Der grüne Heinrich“

  • Aktualisiert am

Ein trauriges Glück Bild: Artemis & Winkler

Wohl jeder, der den Kellers „Grünen Heinrich“ sein Lieblingsbuch nennt, tut dies mit dem Gefühl, dabei viel von sich preiszugeben. Es ist ein großes Glück, dieses Buch lesen zu dürfen, aber ein trauriges Glück ist es auch.

          Wohl jeder, der den "Grünen Heinrich" sein Lieblingsbuch nennt, tut dies mit dem Gefühl, dabei viel von sich preiszugeben. Kein andres Buch weiß so viel von mir wie dieses, aus keinem anderen lerne ich bei jeder neuen Lektüre so viel über mich wie aus dem "Grünen Heinrich", natürlich der ersten Fassung, derjenigen mit dem "zypressendunklen Schluß".

          Deshalb möchte ich jetzt lieber nicht zuviel von Anna und Judith reden, den schönsten Frauengestalten der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, die Gottfried Keller wie mit dem Silberstift mit kristallklaren Zügen gezeichnet hat und die doch nie, nie ihr Geheimnis verlieren, auch nicht von der bezaubernden Darstellerin des Gretchen, mit der Heinrich Lee eine wundersame Meerkatzennacht verbringt, und schon gar nicht von Dortchen Schönfund oder von all den weißen Wolken, die ihm oft genug zu ersetzen haben, wofür diese Namen stehen.

          Erinnern möchte ich vielmehr daran, daß es wohl kaum ein Buch in deutscher Sprache gibt, aus dem man so viel erfahren kann über die Wunder und die Gefahren des Lesens im Wechselspiel von Realitätserschließung und Wirklichkeitsverkennung wie aus diesem: "Dazumal schloß ich einen neuen Bund mit Gott und seinem Jean Paul, welcher Vaterstelle an mir vertrat." Wie wunderbar erklingt die Kellersche Sprachmusik in diesem Satz - und wieviel verrät er über die Risiken und Nebenwirkungen des Lesens, zu denen uns keine Packungsbeilage eines Buches berät!

          Und dann zeigt der Roman, wie ungeheuer schwer und schmerzhaft es sein kann, aus den imaginären Welten der "entfesselten Phantasie" wieder herauszugelangen und ein wenig zu lernen von jener lebensnotwendigen "hingebenden Liebe an alles Gewordene und Bestehende", die aber nicht verwechselt werden darf mit dem "Wesen des modernen, weinerlichen und heuchlerischen Konservatismus", den Gottfried Keller verachtete. Und man erfährt, wie leicht es auf der anderen Seite nicht nur für "Gefühlsmenschen", wie Heinrich einer ist, sein kann, ihr eigenes Leben und dasjenige ihrer Nächsten zu vergeuden, wenn sie nicht nach der einzigen Maxime leben, nach der zu leben sich lohnt: "wozu wäre man da, wenn man nicht die Menschen, wie sie sind, liebhaben müßte?"

          "Diese seltsame Äußerung in Judiths Munde machte mich", so Heinrich, "tief betroffen und verursachte mir ein langes Nachsinnen." Ich sinne dieser seltsamen Äußerung bis heute nach - hoffen wir, daß es etwas nützt. Heinrich jedenfalls hat es nicht mehr viel genützt. Am Ende des neunhundert Seiten langen, unendlich reichen Romans, aus dem wir alles Wichtige über uns erfahren können, reibt es ihn in einem einzigen Satze auf. Es ist ein großes Glück, den "Grünen Heinrich" lesen zu dürfen, aber ein trauriges Glück ist es auch.

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