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Ernst Jünger : Im Fremdsein zu Hause

  • -Aktualisiert am

Die erste kritische Jünger-Ausgabe erscheint - in Frankreich Bild: dpa

Weder Thomas Mann noch Döblin oder Musil schafften bisher den Weg in die noble Bibliothèque de la Pléiade: Jetzt hat Frankreich als erstes Land eine kritische Ernst-Jünger-Ausgabe.

          So muss fortan also Französisch lesen, wer den Schriftsteller Ernst Jünger in seiner Entwicklung vom nationalkonservativen Ideologen zum literarischen Weltbürger erfassen möchte und die insgesamt sieben unterschiedlichen Ausgaben von „In Stahlgewittern“ oder die vier von „Das Wäldchen 125“ gerade nicht griffbereit hat. Als erstes Land verfügt Frankreich jetzt über eine kritische Ausgabe von Jüngers frühem und mittlerem Werk, den „Tagebüchern I-III“. Das Erscheinen der zwei Bände „Journaux de guerre“ in der berühmten Pléiade-Dünndruckausgabe mit dem ausführlichen Anmerkungsapparat ist ein Ereignis.

          Weder Thomas Mann noch Döblin oder Musil schafften es bisher in die Pléiade, Bert Brecht ist dort der einzige deutschsprachige Zeitgenosse. Und nun Ernst Jünger. Entgegen einer verbreiteten Meinung wird er in Frankreich wohl nicht intensiver gelesen als in Deutschland, aber vielleicht „besser verstanden“, wie der Kritiker Pierre Assouline meint. Über die Gründe dafür ist schon viel spekuliert worden.

          Immenser Energievorrat im Zentrum Europas

          Einen der besten Aufschlüsse findet man bei dem vor drei Monaten verstorbenen Julien Gracq. „Ja, Deutschland zieht mich an“, schrieb dieser im Zusammenhang Jüngers in seinem Buch „Witterungen“ - er frage sich aber, was dieser „immense Energievorrat im Zentrum Europas, diese machtvolle Möglichkeit auf der Suche nach einer Form“, einem französischen Schriftsteller anderes bringen könne als vielleicht ein Rauschen und Rumoren, wie es am Ufer des Meeres erfahrbar sei. Gegenüber der penetrant gewollten, steifen, verfrühten oder verspäteten, mehr punktierten als ausgeführten Klassik Goethes empfand Gracq eine tiefe Abneigung. Die Entrücktheit Jüngers hatte für ihn dagegen etwas zeitlich Gebundenes, selbst dort, wo es in scheinbar pure Gleichgültigkeit gegenüber dem Zeitgeschehen umschlug.

          Vor allem beim späteren Jünger dringe immerfort das latente Bewusstsein eines historischen Einschnitts durch. „Nach zwei Jahrhunderten steigt das strahlende Soldatenepos Preußens ins Grab“, notierte Gracq an anderer Stelle, in seinem Wanderertagebuch „Der große Weg“. Er wundert sich dort, zu Besuch bei Jünger, über dessen vollkommene Reaktionslosigkeit angesichts der damals, in den frühen achtziger Jahren, gerade stattfindenden großen pazifistisch gefärbten Demonstrationen in Deutschland gegen die militärische Nachrüstung.

          Hellsicht im militärischen Morast

          Jüngers aktualitätsgesättigte Abgehobenheit, ein Fremdsein zu Hause, sah der Franzose als einen möglichen Grund für dessen endgültige Verbindung mit der Literatur, der er „auf seine Weise 1933 beigetreten ist, so wie einer sein Gelübde ablegt“. Nicht das literarisch überhöhte Monstrum, wie wir es von Michel Tourniers „Erlkönig“ bis zu Jonathan Littells Max Aue kennen, sondern der hellsichtig, aber trockenen Auges den politischen und militärischen Morast durchquerende Literat steht hier im Mittelpunkt.

          Dass gerade die Schriften aus den Kriegszeiten in die Pléiade eingegangen sind, hat nicht nur mit deren ausdrücklicher Nähe zu Frankreich zu tun. Sie zeigen den „großen Schriftsteller“ - so lautet ein Topos in Pierre Noras „Lieux de mémoire“ - in Militäruniform, wie Frankreich ihn in seiner Tradition nicht kennt und wie er auch aus dem einen Foto spricht, das fast alle französischen Medien zur Bebilderung ihrer Rezensionen gewählt haben. Man sieht darauf den Wehrmachtsoffizier Jünger hoch zu Ross mit gezogenem Schwert, den Blick starr zur Seite gewandt, 1941 durch die Rue de Rivoli reiten. Hinter ihm seine Kompanie in Reih und Glied, auf der eleganten Haussmannschen Fassade über ihnen eine Fahne, deren Hakenkreuz vom Wind diskret unkenntlich gemacht wird. Abgesehen von wenigen notorischen Jünger-Kritikern wie dem Germanisten Jean-Pierre Lefebvre oder dem Intellektuellen Laurent Dispot, waren zu dieser Edition in Frankreich so gut wie keine Stimmen des Vorbehalts zu hören.

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