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Ernst Jünger : Im Fremdsein zu Hause

  • -Aktualisiert am

Der Anständige in Uniform

Der erste Band enthält die auf den Ersten Weltkrieg sich beziehenden Texte „In Stahlgewittern“, „Das Wäldchen 125“, „Feuer und Blut“, die Schrift „Der Kampf als inneres Erlebnis“ sowie das Romanfragment „Sturm“. Im zweiten Band sind die später unter dem Titel „Strahlungen“ zusammengefassten Aufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg publiziert. Einigen früh vorliegenden Übersetzungen zum Trotz - „In Stahlgewittern“ erschien schon 1930 auf Französisch - wird Jünger in Deutschland stark aus der politisch anstößigen Perspektive der Anfangsjahre, in Frankreich eher aus jener der abmildernden Überarbeitungen der späteren Zeit rezipiert, erklärt der Pléiade-Herausgeber Julien Hervier.

Für Frankreich ist der von André Gide früh bewunderte Jünger auch in Besatzeruniform vorab der „andere“, anständige, gebildete Deutsche, der gegenüber dem Regime, dem er diente, schon in einen inneren Widerstand getreten war und in der Hauptfigur von Vercors' „Schweigen des Meeres“ einen literarischen Doppelgänger gefunden hat. Die Neuausgabe erlaubt mit ihren Textvarianten, die deutsche wie die französische Wahrnehmung zu differenzieren.

Der Gegenintellektuelle

Natürlich kann auch eine „Pléiade“-Ausgabe nicht alle vorhandenen Überarbeitungsvarianten liefern. Was an weggestrichenen Passagen im Anhang nachgereicht wird, gibt aber ein plastisches Bild. Wo die heute geläufigen Ausgaben der „Stahlgewitter“ im Kapitel „Die große Schlacht“ beim Losstürmen in der Gegend von Cagnicourt nur das Rufen, Schluchzen und Stammeln der Soldaten, scheinbar wie aus „einem Übermaß an Glück“, erwähnen, schilderten die Ausgaben zwischen 1920 und 1924 den unwiderstehlichen, beflügelnden Wunsch zu töten, der dem Autor bittere Wuttränen in die Augen trieb - „so mussten die Menschen der Renaissance wohl Opfer ihrer Leidenschaft sein“. Im „Wäldchen 125“ befand sich 1924 ursprünglich eine zwölf Seiten lange Huldigung Jüngers an den ihm „völkisch verwandten“ Schriftsteller Hermann Löns.

Textgestalt und Textauswahl - im zweiten Band identisch mit den deutschen Ausgaben von „Strahlungen“ I und II - sind unter der Leitung des emeritierten Komparatistikprofessors Julien Hervier, der mit Jünger persönlichen Umgang pflegte, vorzüglich gelungen. Die detaillierten Anmerkungen bieten auch dem deutschen Leser breite Sachinformation für die Zeit, bis in Deutschland eine kritische und kommentierte Jünger-Ausgabe vorliegt. Man solle von diesem Autor nicht verlangen, was er nie zu bieten beanspruchte - lautet ein wiederkehrendes Urteil der französischen Kritik. Formexperimente und Spracherneuerung waren nie sein Ziel. Zeitzeugnis, kulturphilosophische Meditation, Kampfschrift, kosmische Weltparabel wuchsen bei ihm aber zu einem literarischen Glanzstück zusammen, so der Kritiker des „Figaro“. Der klassischen Form des Tagebuchs wurden damit ungeahnte Möglichkeiten entlockt. Allein der Vergleich zwischen den Notizbüchern und den ausgearbeiteten Werken wäre für eine kritische Ausgabe eine Herkulesarbeit.

Einsetzende Jünger-Kritik

Während in Deutschland die Aversionen gegen den literarischen Einzelgänger Ernst Jünger sich eher zu legen scheinen, tut sich in Frankreich nach dem Ableben der großen Jünger-Leser François Mitterrand und Julien Gracq eine offenere Jünger-Kritik hervor. Es geht bei der neuen Pléiade-Ausgabe nicht darum, den Autor gegen solche Kritik humanistisch zu glätten. Was über national unterschiedliche Rezeptionshintergründe hinweg nottut, wäre aber, diesen Schriftsteller als Gegenintellektuellen neu zu entdecken in der Auseinandersetzung mit einer Zeit, die das humanistische Erbe hartnäckig durch Ideologiesysteme zu kürzen suchte. Die beiden Bände „Kriegstagebücher“ sind ein bemerkenswerter Beitrag zu diesem Perspektivenwechsel, der bis ins Grab reicht und darüber hinaus.

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