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Erinnerung an Rudolf Augstein : Wie wär es denn mit zweimal in der Woche?

  • -Aktualisiert am

Irma Nelles mit Rudolf Augstein Bild: Verlag/ dpa

Alkohol, Männerbünde, Propagandaexperten: Irma Nelles erinnert sich in einem Buch an den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Sie war seine erste Büroleiterin.

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          In ihrer eigenwilligen Hommage an den „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein (1923 bis 2002) erspart Irma Nelles dem Leser wenig: „Er sei so entsetzlich einsam, murmelte er wieder und etwas wie, wir sollten jetzt endlich fieken.“ Das war 1982 im geschichtsträchtigen Rheinhotel Dreesen, Augstein hatte etwas Haschisch geraucht und sich unvermittelt nackt ins Bett gelegt, und Irma Nelles wunderte sich, warum er „fieken“ statt „ficken“ gesagt hatte. Sie wehrte das Ansinnen ihres Chefs mit der Entgegnung ab, sie habe einen festen Freund in Bonn.

          Irma Nelles war über lange Jahre die Büroleiterin Augsteins, und sie begleitete den alkoholkranken Über-Publizisten bis in den Tod. Ihre Monographie ist nicht, wie man befürchten könnte, eine Eloge auf den national-libertären Starjournalisten, aber auch keine privatistische Ansammlung von saumseligen Anekdoten. Vielmehr schreibt Nelles das Protokoll einer mitunter sehr duldsamen Betreuungsarbeit und auch ein Stück weit ihre eigene Autobiographie.

          Geboren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als Tochter eines katholischen Pfarrers in Nordfriesland, heiratet sie im Alter von zweiundzwanzig Jahren und zieht mit ihrem konservativen Ehemann nach Bonn. Schon im Elternhaus zirkuliert der damals verruchte „Spiegel“, der Vater meint: „Dieser Augstein ist der intelligenteste Kopf, den ich kenne“; der Tochter, die den frühen „Spiegel“ zu Recht „kompliziert und schwer zu verstehen“ findet, scheint der junge Augstein „eine Art Meisterdetektiv Kalle Blomquist zu sein“.

          Nach drei Jahren kündigt sie

          Nach 1968 hat Nelles, inzwischen Mutter von zwei Kindern, das Gefühl, in ihrem „verblassenden Familienidyll“ etwas verpasst zu haben; sie bewirbt sich auf eine Anzeige im Bonner „General-Anzeiger“ - der „Spiegel“ sucht eine „junge Nachwuchssekretärin“. Sie fremdelt in ihrer Ehe - die Scheidung folgt bald -, aber die Welt des Bonner „Spiegels“, wo whiskeytrinkende Männer in ihren „Zellen“ an Stilsorten wie Aufgalopp, Erzähle, Schlussapotheke oder bahnbrechender Enthülle arbeiten, kommt ihr auch zunehmend komisch vor.

          Augstein selbst hatte sie 1973 kennengelernt, als der mit gechartertem Lear-Jet zur Stippvisite in die hauptstädtische Dependance kam. Bis dahin hatte sie die „Spiegel“-Redakteure als „ganz und gar nicht autoritätshörig erlebt“, im Angesicht des mythischen Chefs war es anders: „Jetzt schien der liebe Gott persönlich vor der Tür zu stehen. Angst machte sich breit.“ Nelles wunderte sich auch, wie Augstein seine damalige Ehefrau Gisela Stelly, die aussah wie ein Filmstar, brüsk in die Frauenecke verwies: „Du kannst dich ja hier dazusetzen und dich mit den Frauen unterhalten.“

          Nach drei Jahren Sekretärinnenarbeit kündigt Nelles, und beginnt ein Lehramtsstudium, bleibt dem „Spiegel“ aber vertretungshalber verbunden. Ende Mai 1978 kommt es zu einer entscheidenden Begegnung, als sie von Augstein in dessen Villa an der Côte d’Azur eingeladen wird. Nachbarin: Brigitte Bardot. Hier trifft Nelles auf einen der wenigen Lebensfreunde Augsteins: Henri Regnier, den profilierten Unterhaltungschef des Norddeutschen Rundfunks, der wiederum mit Antonia Hilke verheiratet ist, der bekannten Fernseh-Modejournalistin.

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