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Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki : Wenn Liebe sich als Angriff kostümiert

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Marcel Reich-Ranicki, am 2. Juni hätte er seinen 94 Geburtstag gefeiert Bild: Frank Röth

Was die Germanistik Marcel Reich-Ranicki alles zu verdanken hat: Eine Würdigung anlässlich des 94. Geburtstags, den der Kritiker und langjährige Leiter des Literaturblatts dieser Zeitung an diesem Montag gefeiert hätte.

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          Marcel Reich-Ranicki war ein germanistischer Literaturkritiker, und er war der Literaturkritiker der Germanisten. Leider haben es zu viele von ihnen zu lange nicht bemerkt; und als sie es bemerkten, wollten sie es nicht glauben. Marcel Reich-Ranicki hat der Germanistik eine literarische Öffentlichkeit vermittelt, derer sie bis dahin nicht zu bedürfen meinte, und er hat der literarischen Öffentlichkeit eine Germanistik vermittelt, an der sie bis dahin nicht interessiert zu sein meinte.

          Es ist schwer, über Marcel Reich-Ranicki, das Feuilleton und die Germanistik ohne Chiasmen wie diese zu sprechen. Denn während er von beiden Seiten skeptisch beäugt wurde, manchen Kollegen vom Feuilleton als zu germanistisch, den meisten Germanisten aber als entschieden zu feuilletonistisch galt, während und weil das so war, hat er zur Vermittlung zwischen beiden Seiten, zur Überkreuzung und Verschränkung Buchenswertes bewirkt. Seine Freude an der pointierten, im Zweifelsfall auch beherzt übertreibenden Formulierung, seine zuweilen alles Einerseits-Andererseits resolut beiseite schiebende Frage „Also taugt es was, oder taugt es nichts?“, seine wahrhaft atemberaubenden Verrisse von Heinrich Manns Universalsatire oder, am anderen Ende der Skala, von Hölderlins lyrischer Kunstreligion: das alles hat uns germanistische Leser schon als Studenten auf die Barrikaden getrieben.

          Zuneigung im Verriss

          Aber seine Hölderlin-Kritik galt doch, warum haben wir es damals nicht bemerkt, in ihrem Kern gar nicht dem armen Scardanelli selbst. Sondern sie galt zuerst einer kritiklosen Vergötterung Hölderlins, die in den deutschen Verwerfungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht nur liebende Kunstverehrer, sondern auch diverse Schwarmgeister von links bis rechts zu einem Kult des Irrationalen zusammenbrachte – einem Kult, der so oft so unheilvoll wurde, weil er in der falschen Gewissheit uneinnehmbarer Bildungshöhen sehr tatenreich werden konnte und allzu gedankenarm. Sein Angriff auf Heinrich Mann hingegen galt, beim Wiederlesen zeigt es sich überdeutlich, der anderen Seite: jenen eigenen Weggefährten, die immerfort den politischen Aktivisten gegen seinen vermeintlich in Ärmelschonern schreibenden Bruder ausspielen wollten. Seine Verteidigung aber galt, übertönt von seiner polemischen Vehemenz, denjenigen Dichtungen Hölderlins und Heinrich Manns, von denen er hoffte, sie würden ihre schwärmerische Verehrung womöglich doch überdauern. Es gab in Marcel Reich-Ranickis Verrissen gewiss entschiedene Ablehnung, ja Verwerfung. Aber es gab nicht ganz selten auch eine Form der Liebe, die sich in den Angriff verkleidete.

          In den oft zitierten Worten, mit denen sich Erich Kästner selbst charakterisierte, erkannte dieser schreibende Leser sich erklärtermaßen wieder, der ja auch dank der Stärkung durch Kästners Verse das Ghetto überstanden hatte; Kästners Worte lauten: er sei „spinnefeind der falschen Tiefe, die im Lande der Dichter und Denker nicht aus der Mode kommt“. „Verachtet mir die kleinen Meister nicht“, hat Marcel Reich-Ranicki über diesen Kästner geschrieben. Der Verdacht, er habe also im Ernst den Autor des „Emil“ ausspielen wollen gegen den Dichter des „Hyperion“, hätte in solchen Appellen bei genauerem Hinsehen keinen Anhalt finden können.

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