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Erinnerung an Marcel Reich-Ranicki : Wenn Liebe sich als Angriff kostümiert

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Er, dem so oft seine Eitelkeit und sein Geltungswille vorgehalten wurden, konnte ein erstaunlich selbstloser Erzieher sein, ein Schulmeister, der es sich und seinen Zöglingen nicht leicht machte – nicht den Germanisten, nicht den Kollegen vom Feuilleton und notabene auch nicht den sogenannten einfachen Lesern. Wenn Samuel Fischer es als die vornehmste Aufgabe eines Verlegers bezeichnet hat, den Lesern Bücher aufzudrängen, die sie nicht wollten, so hat Marcel Reich-Ranicki einen vergleichbaren Ehrgeiz, sein Ethos und seinen unbegrenzten Vorrat an Leidenschaft darein gesetzt, den Lesern Dichtungen nahezubringen, die sie ohne ihn als verstaubt, langweilig, nicht kennenswert übergangen hätten. Namentlich was die Lyrik anging, war er ein großer Liebender. Welcher deutsche Feuilletonredakteur hat sich eigentlich so ausdauernd und so erfolgreich dafür eingesetzt, dass Goethes Gedichte wieder und wieder gelesen werden?

Während zwischen akademischen Lehrstühlen über Formen, Aufgaben und Unmöglichkeit eines literarischen Kanons debattiert wurde, legte Marcel Reich-Ranicki seinen vielbändigen Kanon vor. Er tat das durchaus nicht, wie sogleich geargwöhnt wurde, als anmaßender Präzeptor, sondern ausdrücklich und nachdrücklich aus eigener Erfahrung, auf eigene Faust und auf eigenes Risiko. Keinen ewigen Brunnen wollte er sprudeln lassen, sondern nur eine begründete Antwort auf die Frage geben, was ein so erfahrener, belesener und meinungsstarker Kritiker wie er seinen Lesern aus der Überfülle der deutschen Literaturgeschichte denn als lesbar, lesenswert, womöglich lebensnotwendig empfehle. Sie haben es ihm auch diesmal gedankt, die Leser. Soviel street credibility aber will erarbeitet sein; aus der bloßen Prätention, dem starken Auftritt und der resoluten Stimmstärke erklärt sie sich nicht.

Verehrung und Skepsis

Viele haben es ihm gedankt, die Leser sowieso, aber längst auch viele Germanisten, und nicht nur diejenigen, die er werbend und erzieherisch ins Blatt holte. Bei manchen blieben die Wunden zu tief, die der Umgang mit ihm auch schlagen konnte, bei anderen blieb die Skepsis gegenüber seinem Konzept von Literaturkritik, seinem Ton und seiner Rolle zu groß. Zu viele Mitglieder der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung etwa, sprechen wir es ruhig aus, wollten ihn lieber doch nicht in ihren literarischen und germanistischen Reihen haben. Das war, das bleibt – um das Mindeste zu sagen – traurig. Und ich bin gewiss nicht der Einzige, der es bedauert. Auch im Blick auf die vielen Preise, die der Vielgeehrte erhalten hat, fallen schon immer noch auch diejenigen ins Auge, die er nicht erhielt.

Vieles war und ist da nicht mehr gut zu machen. Aber das Wiederlesen der Texte, das steht uns, den Germanisten, doch frei, das Wiederlesen ist ja unsere Aufgabe, es ist sozusagen unsere Natur – das Wiederlesen nicht nur der Texte, die er geschrieben hat (wie jetzt in Thomas Anz‘ Zusammenstellung von Reich-Ranickis deutscher Literaturgeschichte), sondern auch das Wiederlesen der Texte, die er herausgegeben, und derer, die er ermöglicht und ermutigt hat. Es könnte sein, dass man anschließend womöglich auch die eigene Fakultät und die eigene Akademie mit anderen Augen anschaut.

Marcel Reich-Ranicki – bitte erlauben Sie diesen letzten Chiasmus – brachte nicht-germanistischen Lesern und Liebhabern der Literatur bei, was für eine schöne, nützliche, die Erkenntnis und das Vergnügen steigernde Sache die Germanistik sein kann. Und er brachte den Germanisten bei, sich diese schöne und nützliche Wirkung nicht zu verscherzen. Für dieses Brückenbauen, meine Damen und Herren, schulden wir ihm Dank: wir, die Leser; wir, die Germanisten.

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