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Erfolgsbücher : Wir sind dann mal weg

  • -Aktualisiert am

Er bleibt: Erfolgsautor Kerkeling Bild: dpa

Hape Kerkeling wird das zweite Weihnachten in Folge an der Spitze der Bestsellerliste erleben. Der Boom spiritueller Bücher ist keine Mode: Eine Gesellschaft, die immer älter wird, hat immer mehr Zeit für die letzten Fragen.

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          Das bisherige Credo der Moderne steht in einem berühmten Brief von Charles Darwin: „Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ein gütiger, allmächtiger Gott planvoll die Ichneumonidae erschaffen hat, wobei seine Absicht ausdrücklich darin bestand, dass sie sich durch den Körper lebender Raupen fressen.“ Das neue Credo ist auf dem Buchmarkt zu besichtigen und lautet: „Ich kann mich nicht davon überzeugen, dass ich geschaffen wurde, nur um der zu sein, der ich auf Erden bisher gewesen bin.“

          Es rührt das kälteste Herz, wie eine sinnsuchende Öffentlichkeit sich hinter Hape Kerkeling schart, den dreiundvierzigjährigen Major Vorwärts der neuen Spiritualität. Kerkelings Buch wird das meistverschenkte, meistverkaufte Buch der Weihnacht 2007 sein, nachdem es bereits das meistverkaufte Buch der Weihnacht 2006 war. Und bleibt es wohl. Auf Rang 2 kommt schon „Gott - Eine kleine Geschichte des Größten“, dann der mystisch-skurrile Weltbestseller „The Secret - Das Geheimnis“, aus Amerika mischt „The Spiritual Warrior“ mit und um alles herum eine weniger verkaufslaute, aber tiefreligiöse oder spirituelle Literatur, von den Schriften des Papstes bis zu Robert Spaemanns „Das unsterbliche Gerücht. Die Frage nach Gott und die Täuschung der Moderne“.

          Was geschieht hier irdisch?

          Ehe man wieder zu Talkshowsendungen einlädt, in denen Frau Ditfurth, Herr Lanz und Herr Holbe Gottesbeweise erörtern, sollte man fragen, was hier irdisch geschieht, was dieser neu entstehende Markt profan beweist. Wie immer nämlich die individuellen Motive dieser neuen religiösen oder quasi-religiösen Sinnsuche beschaffen sein mögen, sie sind selber ein „Quod erat demonstrandum“, ein endlich erbrachter Beweis, der etwa Ernst-Jünger-Leser der achtziger Jahre nicht überraschen kann: eine Evidenz für Interessens- und Bedeutungsverschiebungen einer sich demographisch neu formierenden Gesellschaft.

          Eine Gesellschaft, deren Durchschnittsalter permanent in niemals gekannte Größen steigt, ist eine Gesellschaft, in der sich die rein quantitativ meinungsbildende Mehrheit des Landes langsam, aber sicher mit den vorletzten und bald auch letzten Dingen befasst. Das Kollektiv erlebt die Sinnkrise durch das Altern der eigenen Eltern, die ihre Kinder lebensgeschichtlich länger begleiten als je zuvor. Nicht nur die ökonomischen, sondern auch die ethischen Fragen, die wir gesellschaftlich im Augenblick behandeln - von der Rente bis zur Patientenverfügung - haben ihren Antrieb darin, dass ein statistisch unverhältnismäßig stark wachsender Teil der Gesellschaft mit ihnen konfrontiert wird.

          Das große Vergessen

          Das verändert die Mentalität, die Psychologie, das Seelenleben der Gesellschaft auf eine Weise, die dem Bewohner des jungen Westens der frühen siebziger Jahren unvorstellber schien. Hier eine kurze Aufstellung der Titel des „Stern“ in den letzten Monaten, jener Illustrierten, die früher die junge Republik mit sexuellen Reports bediente: „Das Verschwinden der Kindheit“, „Warum es keinen Gott gibt“, „Warnsignale des Körpers“, „Wer pflegt uns, wenn wir alt sind?“, „Besser sehen“, „Die 68er“, „Was im Leben wirklich zählt“, „Das große Vergessen. Wie Demenz das Hirn schädigt“, „Einsamkeit - Wenn dem Ich das Du fehlt“, „Die Entstehung der Bibel“.

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